onthewaywiththomas
"Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen." Johann Wolfgang von Goethe

Ulan Ude



<-- Baikalsee

Nach einer recht kurzen Zugfahrt von ungefähr sechs Stunden entlang des Baikalsees erreichte ich Ulan Ude am Donnerstag um vier Uhr morgens. Um diese Uhrzeit hat dort niemand Lust, irgendetwas zu unternehmen. Deshalb hatte ich meine Unterkunft bereits für die vorherige Nacht gebucht und konnte direkt ins Bett fallen. Den Schlaf hatte ich dringend nötig. So begann mein Tag erst etwas später am Vormittag.
Ulan Ude sollte man übrigens nicht mit Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei, verwechseln. Die Stadt ist die Hauptstadt der Republik Burjatien und liegt rund 5.600 Kilometer östlich von Moskau. Mit etwa 440.000 Einwohnern gehört sie zu den größten Städten Sibiriens. Gegründet wurde sie bereits im Jahr 1666 als Kosakenfestung an der wichtigen Handelsroute zwischen Russland, China und der Mongolei. Noch heute ist die mongolische und buddhistische Prägung der Region deutlich spürbar. Ulan Ude gilt als kulturelles Zentrum der Burjaten, des größten indigenen Volkes Sibiriens. Dadurch unterscheidet sich die Stadt deutlich von vielen anderen russischen Städten und besitzt eine ganz eigene Atmosphäre.


Mein erster Weg führte mich in die Innenstadt. Und wer wacht dort über den zentralen Platz? Lenin! Allerdings nicht irgendeine Lenin-Statue, sondern die größte Lenin-Kopfskulptur der Welt. Der monumentale Bronzekopf wurde 1971 zum 100. Geburtstag Lenins aufgestellt und ist rund 7,7 Meter hoch. Mit Sockel bringt das Denkmal sogar etwa 14 Meter Höhe auf die Waage und wiegt mehr als 40 Tonnen. Ursprünglich wurde der Kopf für die Weltausstellung in Montreal entworfen. Nach verschiedenen Ausstellungen fand er schließlich seinen Platz in Ulan Ude. Die Einwohner haben ein eher entspanntes Verhältnis zu ihrem berühmten Wahrzeichen. Für viele ist der gigantische Lenin-Kopf längst mehr ein kurioses Wahrzeichen als ein politisches Symbol.


Natürlich wollte ich ein Foto mit diesem außergewöhnlichen Kopf haben. Also fragte ich ein Pärchen, das mit einem Kinderwagen vorbeischlenderte. Freundlich machten sie mir klar, dass sie das Foto gerne aufnehmen würden – allerdings nur, wenn ich währenddessen ihr Baby auf dem Arm hielt. Na gut, warum auch immer. Also stand ich kurze Zeit später mit einem fremden Baby vor dem größten Lenin-Kopf der Welt. Vermutlich eines der seltsameren Fotos meiner Reise.
Direkt hinter Lenin erhebt sich das Verwaltungsgebäude der Republik Burjatien, während sich daneben das Burjatische Staatliche Akademische Opern- und Balletttheater befindet. Das imposante Gebäude gilt als eines der wichtigsten Kulturzentren im gesamten russischen Fernen Osten. Die elegante Architektur erinnert eher an eine große Metropole als an eine sibirische Provinzstadt. Das Wetter zeigte sich an diesem Tag von seiner besten Seite: strahlender Sonnenschein, angenehm milde Temperaturen und dieser erste Hauch von Frühling, der nach einem langen sibirischen Winter wahrscheinlich doppelt so schön wirkt.
Von dort aus erkundete ich die Fußgängerzone der Stadt. Zwischen Cafés, kleinen Geschäften und zahlreichen Skulpturen herrschte eine überraschend entspannte Atmosphäre. Immer wieder begegneten mir Kunstwerke, Denkmäler und Figuren, die das Stadtbild auflockerten. Besonders interessant fand ich, wie sich russische und burjatische Einflüsse hier miteinander vermischen.
Später zog es mich zum Victory Memorial Park. Die weitläufige Gedenkanlage erinnert an die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs und zählt zu den wichtigsten Erinnerungsorten der Stadt. Besonders auffällig ist ein ausgestellter Panzer, der die Aufmerksamkeit vieler Besucher auf sich zieht. Von den höher gelegenen Bereichen des Parks bietet sich zudem ein schöner Blick über Teile von Ulan Ude und die umliegende Landschaft.


Beim Abendessen bekam ich schließlich noch eine unerwartete Portion Unterhaltung serviert. Im Fernsehen lief eine aufgezeichnete Musikshow aus Moskau auf dem Sender „Autoradio“. Mit dabei war tatsächlich 50 Cent, der bei uns bereits seit vielen Jahren nicht mehr die Hallen füllt wie zu seinen besten Zeiten. Noch überraschender war jedoch der Auftritt von OPUS aus Österreich. Es fiel mir auf, dass manche Künstler und Bands, deren große Erfolge in Westeuropa längst Jahre zurückliegen, in Russland noch immer ein begeistertes Publikum anziehen und problemlos große Veranstaltungshallen füllen. Musikreisen durch die Zeit scheinen hier also durchaus beliebt zu sein.
Am Abend setzte ich meine Reise fort und fuhr weiter Richtung Osten.