Ufa
Diese Stadt liegt eigentlich nicht direkt an der klassischen Route der Transsibirischen Eisenbahn, dennoch wollte ich dorthin. Es war ein kleiner Umweg, der sich jedoch als äußerst lohnenswert herausstellte.
Ich erreichte Ufa an einem Sonntag gegen 14 Uhr am Nachmittag. Als der Zug langsam in den Bahnhof einrollte, fiel mir sofort auf, dass der Winter hier noch nicht ganz verschwunden war. Obwohl es bereits deutlich milder war als noch einige Wochen zuvor gewesen sein muss, lag im Schatten noch immer Schnee. Dieser Kontrast zwischen den ersten Anzeichen des Frühlings und den letzten Spuren des Winters verlieh der Stadt eine ganz besondere Atmosphäre. Die Luft war kühl, aber klar und ich hatte sofort das Gefühl, an einem Ort angekommen zu sein, der eine eigene Geschichte erzählt.
Ufa ist die Hauptstadt der Republik Baschkortostan und zählt mit über einer Million Einwohnern zu den größeren Städten Russlands. Die Gliederung Russlands bin ich euch noch schuldig. Aus russischer Sicht besteht die Russische Föderation aus 89 Föderationssubjekten, darunter 24 Republiken, 46 Oblaste, 9 Krais, 4 autonome Kreise, 1 autonome Oblast sowie 3 föderale Städte. Diese Einheiten gelten offiziell als gleichberechtigt und sind fest in die föderale Staatsstruktur eingebunden.
Aus Sicht des Kremls, sind es mehr Föderationssubjekte, jedoch kein einziger Staat der Welt, kennt diese Sicht des Kremls an, da einige von Russland gezählte Gebiete völkerrechtlich umstritten sind, zb weil ukrainische Gebiete einbezogen sind, die von Russland vorübergehend besetzt sind. Ukrainische Gebiete, wie Cherson, Luhansk, Donezk und Saproschja kommen zwar in der russischen Auflistung vor, konnten aber nach jahrelangem Krieg noch immer nicht von Moskau vollständig erobert werden.
Diese Einheiten bilden die föderale Struktur des Landes und verfügen jeweils über unterschiedliche Grade an politischer und kultureller Selbstverwaltung. Ufa liegt am Zusammenfluss der Flüsse Belaja und Ufa und ist ein wichtiges wirtschaftliches und kulturelles Zentrum der Region. Dennoch wirkt die Stadt in vielen Teilen erstaunlich ruhig und fast provinziell, besonders im Vergleich zu Metropolen wie Moskau oder Sankt Petersburg. Genau diese Mischung aus Größe und Gelassenheit machte den Reiz meines Aufenthalts aus.
Nach meiner Ankunft begann ich, die Umgebung zu Fuß zu erkunden. Schon nach kurzer Zeit fiel mir auf, wie stark auch hier die sowjetische Vergangenheit im Stadtbild präsent ist. Überall stieß ich auf Denkmäler, die an verschiedene Epochen und Ereignisse der Sowjetzeit erinnerten. Große, oft monumentale Skulpturen standen auf weiten Plätzen, flankiert von breiten Straßen und funktionalen Gebäuden. Diese Denkmäler wirkten teilweise streng und kühl, erzählten aber gleichzeitig viel über die Geschichte und Identität der Stadt.
Der Park des Sieges in Ufa ist eine weitläufige Gedenkanlage, die dem Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg gewidmet ist und vor allem durch seine Denkmäler und militärischen Ausstellungsstücke geprägt wird. Als ich dort war, wirkte der Park durch die Mischung aus schmelzendem Schnee und ersten grünen Flächen zugleich ruhig und etwas melancholisch. Die Atmosphäre war still und würdevoll und beim Spazierengehen zwischen den Monumenten wurde die historische Bedeutung dieses Ortes besonders spürbar.
Was mich jedoch besonders faszinierte, war der Kontrast zu den alten Holzhäusern, die ich in einigen
Vierteln entdeckte. Diese wirkten fast wie Relikte aus einer anderen Zeit. Mit ihren oft kunstvoll verzierten Fensterrahmen und leicht schiefen Fassaden strahlten sie eine Wärme und Authentizität aus, die im starken Gegensatz zu den monumentalen Bauten der Sowjetära stand. Es war, als würde man durch verschiedene Schichten der Geschichte spazieren. Ein weiterer Höhepunkt meines Aufenthalts war der Besuch einer großen Moschee, die sich zu dieser Zeit im Umbau oder vielleicht sogar noch im Bau befand. Die Bauarbeiten waren deutlich sichtbar, Gerüste umgaben Teile des Gebäudes, und dennoch ließ sich bereits erahnen, wie beeindruckend das fertige Bauwerk sein würde. Die Moschee spiegelte die kulturelle und religiöse Vielfalt der Region wider, denn Baschkortostan ist bekannt für sein Nebeneinander verschiedener Ethnien und Glaubensrichtungen.
Dieser Aspekt verlieh der Stadt eine zusätzliche Tiefe, die ich so nicht erwartet hatte.
Ich besuchte auch das Stadion, das wie viele Sportanlagen in Russland schlicht „Dynamo-Stadion“ heißt und damit typisch für die oft einheitliche, sowjetisch geprägte Namensgebung solcher Orte ist.
Völlig ungeplant bin ich auf einen Sportplatz gestoßen, der zum Umfeld des „Tatarischen Staatlichen Theaters Nur“ gehört und irgendwo zwischen Zerfall und Vergessenheit lag. Die Anlage wirkte stark verfallen. Ein Platz, auf dem man wohl schon lange nicht mehr Fußball gespielt hat, dessen Tore und Boden aber inzwischen deutlich in die Jahre gekommen und teilweise beschädigt waren.
Das dazugehörige Ufa State Tatar Theatre Nur ist ein bedeutendes Theater der tatarischen Minderheit in der Region und spielt vor allem klassische und moderne Stücke in tatarischer Sprache. Es gilt als wichtiges kulturelles Zentrum in Ufa und steht im Kontrast zu dem eher heruntergekommen wirkenden Umfeld, das ich dort zufällig entdeckt habe.
In Ufa und in vielen anderen russischen Städten, kann es durchaus passieren, dass der „Gehweg“ eher eine kreative Mischung aus Erde, Schlaglöchern und purem Optimismus ist als tatsächlich Asphalt. Man läuft dann nicht einfach durch die Stadt, sondern eher durch ein kleines Abenteuer aus Gatsch, bei dem saubere Schuhe ungefähr die Halbwertszeit eines Schneeballs im Frühling haben.
Ich auch mit dem Riesenrad gefahren. Ein Erlebnis, das weniger durch westliche Sicherheitsstandards, sondern eher durch seinen improvisierten Charme auffiel. Von oben hatte ich einen weiten Blick über die Stadt, sah die Mischung aus Plattenbauten, grünen, eher braunen Flächen und den Fluss Belaja, der sich ruhig durch die Landschaft zog.
Während meines Aufenthalts nahm ich mir bewusst Zeit, einfach durch die Straßen zu schlendern, ohne ein festes Ziel. Ich beobachtete das alltägliche Leben der Menschen, die trotz der kühlen Temperaturen unterwegs waren. Familien, die spazieren gingen, ältere Menschen, die auf Bänken saßen und junge Leute, die sich in kleinen Gruppen unterhielten. Es war kein hektisches Treiben, sondern eher ein ruhiger, gleichmäßiger Rhythmus, der die Stadt prägte.
Was mir besonders gefiel, war genau diese Unaufgeregtheit. Ufa war kein touristischer Hotspot, kein Ort, an dem sich Sehenswürdigkeiten aneinanderreihen. Stattdessen bot die Stadt einen ehrlichen, unverfälschten Einblick in das Leben abseits der bekannten Reiserouten. Ich hatte das Gefühl, einen Teil Russlands kennenzulernen, den viele Reisende auf der Transsibirischen Strecke nie zu Gesicht bekommen.
Die Tagesabläufe auf meiner Transsibirischen Reise hatte grundsätzlich immer das gleiche Muster. In beinahe jeder Stadt begann mein Tag so früh wie möglich, oft noch bevor das Leben auf den Straßen richtig einsetzte. Diese ruhigen Morgenstunden hatten etwas Besonderes, fast Meditatives. Am Vormittag legte ich dann bewusst eine erste Kaffeepause ein, eine kleine Auszeit, um anzukommen und mich zu sammeln.
Zur Mittagszeit nahm ich mir mehr Zeit: eine längere Pause, etwas zu essen, die bisherigen Eindrücke sortieren und einfach kurz zur Ruhe kommen. Am Nachmittag folgte meist eine weitere Kaffeepause, die mir half, noch einmal neue Energie für die letzten Stunden des Tages zu schöpfen. Diese wiederkehrenden Rituale gaben der Reise eine angenehme Struktur, ohne sie einzuengen. Pro Woche gönnte ich mir auch immer einen freien Vormittag, an dem ich einfach nur im Bett lag.
Gleichzeitig blieb vieles spontan. Es kam erstaunlich oft vor, dass ich ohne konkreten Plan einfach in einen Bus oder in eine Straßenbahn einstieg und mich durch unbekannte Stadtteile treiben ließ. Gerade dieses ziellose Unterwegssein, irgendwo zwischen Neugier und Orientierungslosigkeit, wurde zu einem der wichtigsten Elemente meiner Transsib-Reise und machte ihren besonderen Reiz aus.
Die alten Busse und Straßenbahnen in russischen Städten wirken oft wie fahrende Relikte aus einer anderen Zeit. Irgendwo zwischen Nostalgie, Improvisation und einer ordentlichen Portion Abenteuer. Einen westlichen Standard darf man hier definitiv nicht erwarten: Während in Wien selbst die alten „Typ E“-Straßenbahnen, gebaut zwischen 1959 und 1990, bis zu ihrer Ausmusterung in einem vergleichsweise sehr guten Zustand waren, erscheinen viele russische Fahrzeuge deutlich mitgenommener und das, obwohl sie teilweise aus genau derselben Zeit stammen. Viele dieser Straßenbahnen wurden in sowjetischen Werken wie Ust-Katav oder auch von Tatra in der damaligen „Tschechoslowakei“ produziert und sind bis heute im Einsatz, oft sichtbar gezeichnet von Jahrzehnten ohne grundlegende Modernisierung und Instandhaltung.
Die Fahrt selbst hat ihren ganz eigenen Charakter: Die Schienen sind vielerorts schief und abgenutzt, sodass die Straßenbahnen nur langsam und mit einem ständigen Ruckeln vorankommen. Komfort ist dabei eher Nebensache. Klimaanlagen sucht man vergeblich, genauso wie digitale Anzeigen oder automatische Durchsagen für die nächste Station. Man fährt gewissermaßen „auf Sicht“ mit, und wer nicht aufpasst, verpasst schnell seine Haltestelle.
Besonders prägend ist jedoch das Personal an Bord: In jeder Straßenbahn und in allen Bussen ist eine ältere Frau dabei, die während der Fahrt durch das Fahrzeug geht und die Fahrkarten verkauft. Es sind sehr oft Frauen, die im Westen längst in Pension wären, hier aber weiterhin arbeiten müssen. Das ist Russland! Eine Uniform gibt es nicht. Stattdessen tragen sie zivile Kleidung und darüber eine praktische Schürze, in der Münzen und Geldscheine für das Wechselgeld verstaut sind. Unermüdlich bewegen sie sich durch das ruckelnde Fahrzeug, kassieren, geben Wechselgeld heraus und behalten dabei erstaunlich souverän den Überblick.
Ein Fahrschein kostete damals umgerechnet ungefähr 25 Cent. Keine Ahnung wie man damit überhaupt das Personal bezahlen kann.
Jedes Fahrzeug verfügt zudem über einen speziellen Sitz, der ausschließlich für die Fahrkartenverkäuferin gedacht ist. Dieser besitzt zwar mit einem Sitzpolster eine luxuriöse Sonderausstattung, ist aber doch genauso abgenutzt wie alle anderen Plätze. Insgesamt wirkt das System gleichzeitig chaotisch und doch erstaunlich funktional, getragen von Erfahrung und Gewohnheit statt moderner Technik.
Abseits der Fahrzeuge setzt sich dieses Bild fort: Haltestellenhäuschen sind oft beschädigt oder heruntergekommen, und Investitionen in die Infrastruktur scheinen vielerorts auszubleiben. Der Eindruck entsteht, dass viel Geld in die großen Zentren wie Moskau fließt, während andere Städte mit dem auskommen müssen, was schon seit Jahrzehnten vorhanden ist. Solche Busse und Straßenbahnen würden in Österreich keine Zulassung mehr erhalten, doch hier sind sie ein ganz normaler Bestandteil des Alltags und erzählen auf ihre Weise von einer anderen Realität des öffentlichen Verkehrs.
Der Montag verging schneller, als ich erwartet hatte. Ich nutzte den Tag, um noch einmal einige der Orte zu besuchen, die mir besonders gefallen hatten, und ließ die Eindrücke auf mich wirken. Am Abend machte ich mich schließlich wieder auf den Weg zum Bahnhof.
Als mein Zug am Montagabend abfuhr und ich wieder auf die eigentliche Strecke der Transsibirischen Eisenbahn zurückkehrte, blickte ich auf einen kurzen, aber intensiven Aufenthalt zurück. Ufa hatte mich überrascht, nicht durch spektakuläre Sehenswürdigkeiten, sondern durch seine Atmosphäre, seine Gegensätze und seine Authentizität.
Ich nahm wieder den Nachtzug, der um 21.00 Moskauer Zeit Ufa verlies….
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