Kazan
Nach vier Stunden Autofahrt war ich wieder in Kazan, wo ich eigentlich schon seit über 12 Stunden hätte sein sollen. Das Hostel hatte kurzerhand meine Reservierung storniert. Offenbar hielt man mich für verschollen. Nach einer kurzen, aber durchaus engagierten Diskussion durfte ich dann doch einziehen. Man darf nicht vergessen, dass ich in diesen fünf Wochen meist nur in Unterkünften WLAN hatte. Kein Wunder also, dass mich niemand erreichen konnte. Rückblickend war das sogar eine ziemlich befreiende Erfahrung: weniger Bildschirm, mehr echte Eindrücke von Land und Leuten.
Viel Zeit zum Durchatmen blieb allerdings nicht, ich musste direkt weiter zum Stadion. Also schnappte ich mir das erstbeste Taxi. „Beste“ ist dabei natürlich relativ: Es war eher eine fahrende Zeitkapsel mit Rostgarantie, bei der ich jederzeit damit rechnete, dass sich einzelne Teile verabschieden. Der Fahrer stellte sich als spanischer Medizinstudent vor, der sich etwas dazuverdienen müsse. Nun gut, jeder hat seine Geschichte.
Direkt zum Stadion? Natürlich nicht. Stattdessen bestand er darauf, noch einen Zwischenstopp bei einer Brücke einzulegen. Dort, so erzählte er voller Stolz, habe er wenige Tage zuvor einen Menschen vom Selbstmord abgehalten. Wir hielten mitten auf der Brücke, und er präsentierte mir stolz ein TV-Interview auf seinem Handy. Ich gratulierte ihm zu dieser zweifellos beeindruckenden Tat und erinnerte ihn vorsichtig daran, dass gleich Anpfiff war.
Als ich schließlich am Stadion ankam, war der Vorplatz bereits wie leergefegt, denn alle waren schon drin. Das neue Stadion von Rubin Kazan, die Kazan Arena, ist übrigens ein echtes Schmuckstück: Es fasst rund 45.000 Zuschauer und wurde für etwa 450 Millionen Dollar gebaut. Bei der WM 2018 war es einer der Austragungsorte und zählt zu den modernsten Stadien Russlands.
Rubin Kazan gegen Dynamo Moskau, Tabellenplatz zehn gegen elf, also eher gehobenes Mittelmaß, hieß das Spiel. Rund 12.000 Zuschauer fanden sich ein. Trotz der modernen Arenen erinnern die Zuschauerzahlen eher an Österreich als an Deutschland oder England. Die oft gehörte Erklärung, Fußball sei weniger beliebt als Eishockey, überzeugt mich allerdings nicht. 2018 war ich beim Moskauer Eishockey-Derby Spartak gegen CSKA, vor etwa 5.000 Fans in einer halbleeren Halle. Irgendetwas passt da nicht ganz zusammen. Warum große Sportevents hier oft so überschaubar besucht sind, würde ich wirklich gerne verstehen.
Das Spiel selbst war dann eindeutig: Rubin gewann souverän mit 4:1. Mein „spanischer Medizinstudent“ holte mich danach wie vereinbart wieder ab. Während der Rückfahrt versuchte er, mir allerlei „Geschäfte“ anzudrehen, sagen wir mal vorsichtig: Dinge, die vermutlich nicht ganz im Einklang mit göttlichen oder staatlichen Gesetzen standen. Spätestens da war klar: Die Geschichte mit dem Medizinstudium war eher kreativ interpretiert.
Nach der kurzen Nacht musste ich Schlaf nachholen und gleichzeitig mein ursprünglich geplantes Zwei-Tage-Programm auf einen Tag zusammenstauchen: sportlich, aber machbar.
Kazan selbst ist eine faszinierende Stadt. Sie ist die Hauptstadt der Republik Tatarstan und hat etwa 1,2 Millionen Einwohner. Die Stadt ist über 1.000 Jahre alt und gilt als kulturelles Zentrum, in dem sich russische und tatarische Einflüsse vermischen. Besonders spannend ist das friedliche Nebeneinander von Islam und orthodoxem Christentum, das man im Stadtbild deutlich erkennt. Kazan liegt an der Wolga und hat sich in den letzten Jahren zu einer modernen, dynamischen Metropole entwickelt. Gleichzeitig spürt man überall die lange Geschichte und die Bedeutung als Handelszentrum zwischen Europa und Asien. In Kasan und ganz Tatarstan prägen vor allem zwei Religionen das Leben: der sunnitische Islam der Tataren und das russisch-orthodoxe Christentum. Bemerkenswert ist dabei, wie selbstverständlich beide Glaubensrichtungen nebeneinander existieren – Moscheen und Kirchen stehen oft nur wenige Schritte voneinander entfernt und gelten als Symbol für das vergleichsweise friedliche Zusammenleben der Kulturen.
Nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg zum Kasaner Kreml, dem historischen Herz der Stadt. Diese beeindruckende Anlage gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe und vereint Geschichte, Macht und Religion auf engstem Raum. Besonders faszinierend: Hier steht tatsächlich eine Moschee – die Kul-Scharif-Moschee – direkt neben einer orthodoxen Kirche, der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale. Ein Symbol für das Zusammenleben der Kulturen, mitten im Zentrum.
Von den Mauern des Kremls hatte ich eine großartige Aussicht auf den Fluss Kazanka, der hier in die Wolga mündet. In der Ferne konnte ich sogar das neue Stadion erkennen, in dem ich am Vorabend noch gesessen hatte. Der Spasskaja-Turm, das Haupttor des Kremls mit seiner markanten Uhr, wirkte dabei wie ein stiller Wächter über die Stadt. In der Anlage sah ich außerdem Soldaten in Uniform, die offenbar ihre Freizeit damit verbrachten, Fotos zu machen – ein etwas ungewöhnlicher, aber durchaus charmanter Anblick.
Als ich in Richtung Wolga blickte, entdeckte ich das alte Stadion und natürlich musste ich da hin. Überraschenderweise war es nicht besonders gut abgesperrt, sodass ich sogar auf die Tribüne klettern konnte. Der SC Rapid hatte hier vor Jahren tatsächlich einmal gespielt. Direkt daneben steht der städtische Zirkus, ein auffälliges Gebäude, das wie ein riesiges, silbernes UFO aussieht, das mitten in Kazan gelandet ist.
Das Sowjetmuseum habe ich zeitlich leider nicht mehr geschafft, aber an sowjetischer Geschichte mangelt es in der Stadt ohnehin nicht. Überall stößt man auf Denkmäler aus dieser Zeit – besonders auffällig ist das monumentale Lenin-Denkmal.
Ich war auch im Siegespark unterwegs, einer weitläufigen Anlage, die dem Gedenken an den Zweiten Weltkrieg gewidmet ist. Dort stehen zahlreiche Militärfahrzeuge und Denkmäler, die die Geschichte greifbar machen. Ein Ort zwischen Stolz, Erinnerung und Nachdenklichkeit.
Mein Fazit zu Kazan: eine unglaublich vielseitige Stadt, die Geschichte und Moderne auf spannende Weise verbindet. Definitiv ein Ort, der mehr Aufmerksamkeit verdient, als er oft bekommt.
Am Sonntag stand dann meine erste „richtige“ Zugfahrt an. Warum „richtig“? Nun ja – sie sollte 11 Stunden und 56 Minuten dauern. Ziel: Ufa. Preis: 36 Euro. Der Haken: Ich musste in Sysran umsteigen, einer Stadt auf der rechten Wolgaseite zwischen Samara und Saratow. Der Zug bewegte sich also erstmal Richtung Süden und sogar leicht nach Westen, obwohl ich eigentlich nach Osten wollte. Aber eine bessere Verbindung hatte ich damals einfach nicht gefunden.
In diesem Zusammenhang fiel mir wieder Almetjewsk ein. Bis heute ist mir schleierhaft, wie es sein kann, dass zwischen Kazan und Almetjewsk kein Zug fährt und ich stattdessen ein Taxi nehmen musste. Als ich mir die Karte genauer ansah, traf mich fast der Schlag: Almetjewsk liegt ziemlich genau auf halber Strecke zwischen Kazan und Ufa. Ich bin also nachweislich kreuz und quer durch Russland gereist und dieser Zug setzte dem Ganzen die Krone auf, indem er keinen einzigen Meter nach Osten fuhr.
Während der Fahrt bot sich aus dem Fenster eine ruhige, fast melancholische Szenerie: endlose Landschaften, noch nicht ganz vom Frühling erfasst, mit kahlen Feldern und vereinzelten Birkenwäldern. Dazwischen lagen kleine Dörfer mit bunt gestrichenen Holzhäusern, die wie Farbtupfer in der ansonsten grauen Umgebung wirkten.
Im Zug lernte ich Kristina aus Sibirien kennen (diesmal ganz ohne Alkohol) ich hatte schließlich aus Almetjewsk gelernt. Sie wurde schnell meine wichtigste Gesprächspartnerin und fungierte gleichzeitig als Übersetzerin zwischen mir und den anderen Fahrgästen. Sie war auf dem Weg in ihre neue Heimat Wolgograd, das frühere Stalingrad.
Dass ich ein Jahr zuvor selbst dort gewesen war, half natürlich enorm. Ich zeigte ihr meine Fotos, vom deutschen Soldatenfriedhof bei Rossoschka, den sie ebenso wenig kannte wie die Gedenkstätte für österreichische Soldaten, die etwas abseits liegt. Den Mamajew-Hügel kannte sie allerdings, den kennt dort jeder.
Wir verstanden uns erstaunlich gut und tauschten schließlich sogar unsere Nummern aus. Genau wegen solcher Begegnungen fährt man mit der Transsibirischen Eisenbahn. Diese Gespräche, diese zufälligen Bekanntschaften, das ist es, was die Reise wirklich besonders macht. Vielleicht liegt es auch daran, dass es bei uns in Österreich kaum noch solche langen Zugverbindungen gibt, auf denen man zwangsläufig miteinander ins Gespräch kommt.
Gegen 22 Uhr erreichten wir Sysran und ich musste aussteigen. Ich verabschiedete mich von den anderen. Jahre später sollte mir Kristina bei einem Wiedersehen in Wolgograd sagen, dass sie damals schon das Gefühl hatte, wir würden uns eines Tages wieder begegnen.
Über Geschichte hatten wir viel gesprochen, über aktuelle Politik hingegen nicht. Seit Februar 2022 liegt unser Kontakt auf Eis. Ich möchte nicht, dass sie in Schwierigkeiten gerät, nur weil sie mit jemandem aus dem Westen schreibt. Aber ich bin mir sicher: Eines Tages wird der Kontakt wieder aufleben. So wie mit allen meiner Bekanntschaften in Russland.
Am kleinen Bahnhof von Sysran musste ich noch etwa 40 Minuten warten. Es war kalt, ich war müde und wollte einfach nur weiter. Den Schlaf holte ich dann im zweiten Teil der Fahrt nach – bis weit in den nächsten Tag hinein.
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