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"Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen." Johann Wolfgang von Goethe

Chita


<--- Ulan Ude

Chita – ja, die Stadt heißt tatsächlich so – stand ursprünglich gar nicht auf meiner Reiseroute. Letztendlich wurde sie aber doch noch aufgenommen, denn ansonsten hätte mich bis zum nächsten Ziel eine Zugfahrt von rund 55 Stunden erwartet. Das sind mehr als zwei Tage am Stück im Zug, und so sehr ich die Transsibirische Eisenbahn auch mag: Irgendwo sind selbst für mich Grenzen erreicht. Also fiel die Wahl auf einen Zwischenstopp in Chita.
Chita liegt im Osten Sibiriens und ist die Hauptstadt der Region Transbaikalien (Zabaykalsky Krai). Die Stadt zählt rund 350.000 Einwohner und wurde bereits im Jahr 1653 gegründet. Ihren Aufschwung verdankte sie vor allem dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn, die Chita zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt machte. Aufgrund ihrer Lage nahe der mongolischen und chinesischen Grenze treffen hier russische, burjatische und asiatische Einflüsse aufeinander. Während der Sowjetzeit war die Stadt ein bedeutender Militärstandort, weshalb sie für Ausländer lange Zeit nur eingeschränkt zugänglich war. Heute verirren sich zwar nur wenige internationale Touristen hierher, doch gerade das macht Chita zu einem interessanten Einblick in das alltägliche Leben fernab der bekannten russischen Metropolen.
Noch vor 7 Uhr morgens erreichte ich also Chita. Wie bereits in Ulan-Ude gönnte ich mir zunächst noch ein paar Stunden Schlaf in einer Unterkunft, um anschließend ausgeruht die Stadt zu erkunden. Viel Glanz und Glamour wie in Moskau oder St. Petersburg sollte mich hier allerdings nicht erwarten. Doch genau das machte den Reiz aus: Chita zeigte sich bodenständig, authentisch und völlig unbeeindruckt davon, ob sie jemand kennt oder nicht. Hand aufs Herz: Wer im Westen hat überhaupt schon einmal von Chita gehört?


Den Tag verbrachte ich größtenteils damit, durch die Straßen, Parks und entlang der Flussufer zu schlendern. Das Wetter war zwar freundlich, doch der Winter hatte seine Spuren noch nicht vollständig aufgegeben. Im Fluss trieben immer noch große Eisplatten vorbei – ein Anblick, den man Ende des Frühlings in Mitteleuropa wohl eher selten erlebt. Besonders beeindruckend war der Besuch der Church of the Kazan Icon of the Mother of God, einer der schönsten orthodoxen Kirchen der Stadt. Mit ihren goldenen Kuppeln und den farbenfrohen Fassaden setzte sie einen markanten Akzent im ansonsten eher nüchternen Stadtbild.
Natürlich führte mich mein Weg auch zum Denkmal des Zabaykalsky Krai. Die Region Transbaikalien verdankt ihren Namen ihrer Lage „jenseits des Baikalsees“, und das Denkmal erinnert an die Geschichte und Identität dieses riesigen Landstrichs. Nicht weit davon entfernt befindet sich das Verwaltungsgebäude der Region, das als politisches Zentrum des gesamten Zabaykalsky Krai dient. Große Touristenmassen sucht man hier vergeblich – stattdessen erlebt man eine Stadt, die vor allem für ihre Bewohner funktioniert.
Wie vielerorts in Russland begegnete mir auch in Chita immer wieder Lenin. Seine Denkmäler scheinen selbst Tausende Kilometer von Moskau entfernt unverwüstlich zu sein. Und weil ein ehemaliger Militärstandort offenbar nicht ohne militärische Erinnerungsstücke auskommt, durfte natürlich auch der eine oder andere Panzer im Stadtbild nicht fehlen. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass man in Russland niemals weiter als ein paar Straßenecken von einem Lenin-Denkmal oder einem Panzer entfernt ist.
Überrascht war ich außerdem, in Chita ein buddhistisches Kloster zu entdecken. Die Nähe zur Mongolei und die burjatischen Einflüsse in der Region machen sich hier deutlich bemerkbar. Orthodoxe Kirchen, buddhistische Traditionen und sowjetisches Erbe existieren in dieser Gegend oft ganz selbstverständlich nebeneinander.


War Chita nun der große Höhepunkt meiner Reise? Eher nicht. Die Stadt wird wohl kaum jemanden dazu bewegen, extra ans andere Ende Sibiriens zu reisen. Dennoch war der Aufenthalt interessant, weil er einen Einblick in ein Russland bot, das nur wenige Besucher zu Gesicht bekommen. Vor allem erfüllte Chita genau den Zweck, den sie erfüllen sollte: die bevorstehende Mammut-Zugfahrt etwas erträglicher zu machen.
Am Abend musste ich mich schließlich noch ordentlich mit Proviant eindecken, denn der längste Abschnitt meiner Reise stand unmittelbar bevor. Über 40 Stunden – also beinahe zwei volle Tage – würde ich nun wieder im Zug verbringen, bevor ich mein nächstes Ziel erreichen sollte. Entsprechend wanderten Wasserflaschen, Snacks und alles, was das Leben auf Schienen angenehmer macht, in meinen Rucksack. Die nächste Etappe konnte kommen......