Kansas City
Noch am Vormittag begann schließlich die allerletzte Etappe unserer Autofahrt. Die Strecke von Dallas über Houston, Tulsa und Branson bis nach Kansas City war mit fast 2.000 Kilometern zwar alles andere als kurz, aber wir machten das Beste daraus.
Noch bevor wir Dallas verlassen hatten, erklärte ich allen, dass in den USA Alkohol im Auto nicht griffbereit sein darf. Aber wir sind schließlich Fußballfans. Also wurde kurzerhand in der mittleren Sitzreihe ein Sitz umgelegt, die Spielkarten ausgepackt und – ganz wie in unseren besten Zeiten auf unzähligen Auswärtsfahrten quer durch Europa – gemütlich Karten gespielt und das eine oder andere Getränk genossen. Manche Traditionen überleben eben auch einen USA-Trip.
Kurz vor unserer Ankunft in Kansas City legten wir noch einen Stopp bei einem Supermarkt ein, damit sich alle mit Proviant eindecken konnten.
Beim Hotel, das ich bereits über unsere verspätete Ankunft informiert hatte, wartete allerdings die nächste böse Überraschung. Tatsächlich hatte das Hotel unsere bereits bezahlten Zimmer einfach an andere Gäste vergeben. Weder bekamen wir unsere Zimmer noch unser Geld zurück. Man verwies mich lediglich darauf, ich solle mich an Booking wenden. Eine schriftliche Bestätigung über diesen Vorfall wollte man mir ebenfalls nicht ausstellen – obwohl ich mehrfach darauf bestand.
Also begann erneut die Hotelsuche.
Zum Glück fanden wir relativ rasch eine Alternative und das praktisch direkt gegenüber dem Footballstadion. Doch auch dort wartete bereits der nächste Schock auf uns. Obwohl wir drei Doppelzimmer gebucht hatten, verfügte jedes Zimmer lediglich über ein einziges amerikanisches Bett. Gut, zwei Europäer passen da gerade noch irgendwie hinein. Von erholsamem Schlaf kann allerdings keine Rede sein. Vermutlich würde ein solches Zimmer in den USA normalerweise ohnehin nur an eine einzelne amerikanische Personen vermietet werden.
Immerhin gab es auch eine nette Überraschung: Daniela und Thomas, die seit San Francisco ebenfalls mit dem Auto unterwegs waren, hatten zufällig genau dasselbe Hotel gebucht. Die Welt ist manchmal wirklich kleiner, als man glaubt.
Wie immer fiel auch diesmal mir die ehrenvolle Aufgabe zu, den Mietwagen zum Flughafen zurückzubringen. Kaum saßen wir im Hotel, fragte mich tatsächlich einer aus der Gruppe, ob ich ihm noch Bier mitbringen könne. In diesem Moment stieg mein Puls schlagartig. Wozu hatten wir denn vor wenigen Minuten extra beim Supermarkt angehalten? Zu seiner Verteidigung erklärte er allerdings, dass er zwar Bier gekauft hatte, es sich dabei aber um alkoholfreies Bier handelte. Diesen folgenschweren Irrtum bemerkte er erst später und entsorgte den gesamten Einkauf noch am Parkplatz. Ganz ehrlich: Ich hatte Mitleid!
Auf der Fahrt zum Flughafen kreisten meine Gedanken allerdings um etwas ganz anderes. Was würde mit dem Geld für das erste Hotel passieren? Würde ich es jemals zurückbekommen? Wie sollte ich den anderen fünf aus meiner Gruppe erklären, dass unsere bereits bezahlten Zimmer einfach weiterverkauft worden waren? Musste ich mich wieder mit Booking herumschlagen? Würde ich am Ende sogar erneut einen Rechtsanwalt benötigen? Gedanken, die man im Urlaub wirklich nicht braucht.
In diesem Moment wurde mir auch bewusst, dass ich mir über solche Dinge hoffentlich zum letzten Mal Gedanken machen musste. Nach vielen Jahren als Organisator würde es wohl auch meine letzte Mietwagenrückgabe sein. Während andere den Abend entspannt bei einem Bier verbringen konnten, kostete mich das Zurückbringen des Autos heute rund zwei Stunden meines Urlaubs.
Als ich schließlich wieder im Hotel ankam, fiel mir eine riesige Last von den Schultern. Daniela und Thomas waren noch da und wir machten es uns mit einem Cola-Bacardi im Freien gemütlich und das mit direktem Blick auf das Footballstadion von Kansas City. Schlechter kann man seinen Feierabend definitiv verbringen.
Irgendwann war auch diese Flasche leer. Da ich unbedingt noch etwas von Kansas City erleben wollte, machte ich mich schließlich alleine auf den Weg in die Innenstadt.
Mein erster Halt war ein österreichisches Lokal. Dort traf ich tatsächlich auf jede Menge Landsleute. Leider näherte sich die Sperrstunde bereits mit großen Schritten, weshalb ich dem Ruf von V. folgte.
V. ist eine ehemalige Schulfreundin aus dem Burgenland. Seit vielen Jahren lebt sie in New York und wir hatten uns seit Jahren nicht mehr gesehen. Umso schöner war das Wiedersehen auf der anderen Seite des Atlantiks.
Sie hatte genau den richtigen Riecher für die passende Partylocation. Das Lokal war fest in österreichischer Hand. Überall rot-weiß-rote Trikots, bekannte Gesichter und natürlich jede Menge Gesprächsthemen. Zwischen Erinnerungen an die Schulzeit, Geschichten aus New York und Fußball blieb kaum Zeit, das Getränk auszutrinken.
Zusätzlich traf ich noch einige bekannte Gesichter vom Meister aus Linz. Spätestens da wurde mir klar, dass ich in den vergangenen Wochen auf meiner USA Reise eindeutig zu wenig gefeiert hatte. Gut, Mallorca zählt vielleicht nicht ganz, schließlich liegt das nicht in den USA.
V., die ich eigentlich nie mit Fußball in Verbindung gebracht hätte, trug mit sichtbarem Stolz ihr Österreich-Trikot. Mit einem breiten Grinsen meinte sie zu mir: „Ich fühle mich wie zu Hause.“
Und tatsächlich hatte sie recht. Wohin man auch blickte: Österreicher, rot-weiß-rote Fahnen und Lieder, die man eher auf einem Dorffest im Burgenland als mitten in Missouri erwarten würde.
Irgendwann verabschiedete sich allerdings auch mein Handyakku. Zum Glück war die Linzer Gruppe so freundlich und nahm mich bis zu ihrem Hotel mit, das praktischerweise fast neben meinem lag.
Nachdem ich am Vorabend überhaupt nichts gegessen hatte, bestellte ich mir noch eine Pizza ins Hotel. Geliefert wurde sie pünktlich um vier Uhr morgens. Genau in diesem Moment kam eine Amerikanerin aus dem Hotel, zündete sich seelenruhig einen Joint an und verschwand wieder in der Nacht.
Der Geruch von Cannabis hatte mich während der gesamten USA-Reise ohnehin ständig begleitet. In der U-Bahn, auf der Straße, vor Hotels oder einfach irgendwo am Gehsteig – völlig egal, wo man gerade unterwegs war. Irgendwo roch es fast immer danach.
Der Samstag war endlich Spieltag und gleichzeitig der erste Tag der gesamten Reise, an dem ich mir bewusst gönnte, einfach einmal gar nichts zu tun. Ich verschlief praktisch den gesamten Tag. Nach den vergangenen Wochen mit unzähligen Kilometern auf der Straße, Hotelwechseln und jeder Menge Organisation hatte ich mir diese Pause wohl redlich verdient.
Am Abend mussten wir schließlich nur noch die Straße überqueren, denn unser Hotel lag praktisch direkt gegenüber dem Stadion.
Das GEHA Field at Arrowhead Stadium ist die Heimstätte der Kansas City Chiefs und zählt zu den beeindruckendsten Footballstadien der USA. Mehr als 76.000 Zuschauer finden hier Platz. Ein Dach sucht man vergeblich, gespielt wird unter freiem Himmel, egal ob bei brütender Hitze oder eisiger Kälte. Weltberühmt ist das Stadion vor allem wegen seiner Atmosphäre: Die Fans der Chiefs halten den Guinness-Weltrekord für den lautesten Lärm, der jemals in einem Football Stadion gemessen wurde. Schon beim Betreten spürt man, warum dieses Stadion unter Footballfans beinahe Kultstatus genießt.
Wie schon in Dallas fiel mir auch in Kansas City eines besonders auf: die Polizei. Genauer gesagt ihre Abwesenheit. Insgesamt sah ich vielleicht zwanzig, aber sicher keine dreißig Polizisten. Für jemanden aus Europa ist das kaum vorstellbar. Trotz der Menschenmassen rund um das Stadion wirkte alles erstaunlich entspannt. Offenbar funktioniert vieles auch mit deutlich weniger Polizeipräsenz, als wir es von Großveranstaltungen in Europa gewohnt sind.
Die Ausgangslage vor dem Spiel Österreich gegen Algerien war eindeutig. Ein Unentschieden würde beide Mannschaften ins Sechzehntelfinale bringen. Bei einem Sieg wäre der Verlierer ausgeschieden.
Schon in den Tagen zuvor hatte Algerien immer wieder über das berüchtigte Spiel von Dijon gesprochen. Für viele war dieses Duell noch immer ein Thema. Manche kündigten sogar halb scherzhaft eine Revanche an. Andererseits hätte Algerien als Gruppensieger im nächsten Spiel auf Spanien treffen müssen, vielleicht war ein Unentschieden also doch gar nicht so unattraktiv.
Die letzten zwanzig Minuten waren allerdings kaum mehr anzusehen.
Beim Stand von 2:2 schien plötzlich niemand mehr ein echtes Risiko eingehen zu wollen. Der Iran wäre mit diesem Ergebnis ausgeschieden, während Österreich und Algerien gemeinsam weitergekommen wären. Ausgerechnet Algerien, das jahrelang über Dijon gesprochen hatte, drohte nun selbst in Kansas City in eine ähnliche Diskussion hineinzuschlittern.
Dann fiel plötzlich das 3:2 für Algerien.
War das nun doch die verspätete Revanche für Dijon?
Doch das Spiel hatte noch eine letzte Wendung parat. Österreich bekam noch einmal den Ball. Quasi mit dem Schlusspfiff fiel tatsächlich das 3:3. Natürlich jubelte ich ausgelassen, wie jeder österreichische Fan im Stadion.
Je öfter ich mir dieses Tor später allerdings ansah, desto mehr hatte ich den Eindruck, dass Algerien den Ausgleich gar nicht mit letzter Konsequenz verhindern wollte. Vielleicht täuschte der Eindruck auch. Vielleicht nicht. Jeder soll sich darüber seine eigene Meinung bilden. Fest steht nur: Solche Situationen zeigen einmal mehr, wie schwierig Turniermodi manchmal sein können.
Noch weit über eine Stunde nach dem Schlusspfiff wurde im angenehm klimatisierten Stadion gefeiert. Erst danach machten wir uns langsam auf den Rückweg.
Meine Begleiterin war inzwischen völlig erledigt und hatte keine Lust mehr, die wenigen Minuten bis zum Hotel zu Fuß zurückzulegen. Also sprach sie kurzerhand eine Amerikanerin an und fragte, ob sie uns mitnehmen könne.
Und tatsächlich funktionierte das.
Keine Diskussion, kein Zögern, wenige Minuten später setzte sie uns direkt vor unserem Hotel ab. Frechheit siegt eben doch.
Nicht ganz ausgeschlafen mussten wir am Sonntagvormittag bereits wieder aus unserer Unterkunft auschecken. Zu viert machten wir uns noch einmal auf den Weg in die Innenstadt – schließlich wollte ich wenigstens einen kleinen Eindruck von Kansas City auch bei Tageslicht mitnehmen, bevor es weiter nach New York ging.
Kansas City zählt rund eine halbe Million Einwohner, gemeinsam mit der Metropolregion leben hier jedoch mehr als zwei Millionen Menschen. Die Stadt liegt größtenteils im Bundesstaat Missouri, reicht aber auch bis nach Kansas hinein, daher sorgt ihr Name immer wieder für Verwirrung. Bekannt ist Kansas City vor allem für seine legendäre Barbecue-Kultur, seine lange Jazz-Tradition und die mehr als 200 Brunnen, weshalb sie auch den Beinamen „City of Fountains“ trägt. Außerdem erlebt die Stadt seit einigen Jahren einen regelrechten Aufschwung und gehört mittlerweile zu den spannendsten Reisezielen im Mittleren Westen der USA.
Unser Gepäck und meine Begleiterin parkten wir kurzerhand in einem Café zwischen. Für uns ging es anschließend zu Fuß durch die sommerliche Hitze zum National WWI Museum and Memorial.
Das Denkmal zum Ersten Weltkrieg gehört zu den beeindruckendsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Es ist das einzige offizielle Nationalmuseum der USA, das sich ausschließlich dem Ersten Weltkrieg
widmet. Schon der gewaltige Liberty Memorial Tower ist von weitem sichtbar. Noch beeindruckender ist allerdings der Ausblick von dort oben: Die gesamte Skyline von Kansas City liegt einem zu Füßen. Die modernen Hochhäuser und die vielen grünen Parks ergeben ein Panorama, das man so im amerikanischen Mittleren Westen vielleicht gar nicht erwarten würde. Für mich war das definitiv einer der schönsten Aussichtspunkte der gesamten Stadt.
Da die Zeit langsam knapp wurde, machten wir uns wieder auf den Rückweg Richtung Innenstadt. Unterwegs kamen wir noch an der Union Station vorbei.
Der Bahnhof wurde bereits 1914 eröffnet und zählt zu den schönsten historischen Bahnhöfen der Vereinigten Staaten. Schon beim Betreten fühlt man sich eher wie in einem Museum als in einem Verkehrsknotenpunkt. Riesige Kronleuchter, hohe Gewölbedecken und prachtvolle Marmorböden verleihen der Eingangshalle einen ganz besonderen Charme. Wie fast jedes öffentliche Gebäude, das ich während meiner Reise in den USA betreten hatte, war auch hier die Klimaanlage auf Hochtouren eingestellt – nach der Hitze draußen fast schon eine kleine Schocktherapie.
Um unser Kulturprogramm noch etwas abzurunden, schlenderten wir anschließend über einen Markt in der Innenstadt. Dort trafen wir völlig überraschend Fans aus dem Nordburgenland, die wir bereits seit vielen Jahren kennen. Die Welt ist manchmal wirklich erstaunlich klein. Natürlich wurden sofort Neuigkeiten ausgetauscht und sie wollten uns gleich noch in einige empfehlenswerte Bierlokale mitschleppen. So verlockend das auch klang, die Uhr machte uns einen Strich durch die Rechnung. Unser Flug wartete schließlich nicht auf uns.
Also holten wir unser Gepäck und meine Begleiterin wieder im Café ab und machten uns auf den Weg zum Flughafen.
Dort wartete bereits V., den zufällig denselben Flug nach New York gebucht hatte wie ich. Gemeinsam mit ihr gingen wir noch in die Lounge, wo wir zu fünft ein letztes Mal gemütlich zusammensaßen. Danach hieß es Abschied nehmen. Meine beiden Onkelz-Konzertkollegen flogen nämlich nicht mit uns weiter, sondern traten ihre Heimreise über Chicago und London nach Wien an.
Beim Boarding staunte ich nicht schlecht. Direkt neben uns saßen tatsächlich zwei Fans aus dem violetten Wien, die ebenfalls nach New York unterwegs waren. Natürlich blieb es nicht bei einem kurzen „Hallo“. Schnell entwickelten sich Gespräche über die Weltmeisterschaft, unsere USA-Reise und – wie sollte es bei Fußballfans anders sein – über die kuriosesten Auswärtstouren. Irgendwann landeten wir sogar beim Thema Nordkorea und tauschten Geschichten über Reisen aus, die man wohl nicht jeden Tag erlebt.
Der Flug selbst verlief völlig unspektakulär.
Der Anflug auf New York dagegen war schlicht atemberaubend.............
---> New York
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