Dallas
Nach einer Woche in Österreich und auf Mallorca ging es für mich nach dem Onkelz-Konzert beinahe direkt wieder zum Flughafen. Das nächste Abenteuer wartete bereits: Amerika rief erneut.
Schon in der Lounge begann die Reise mit einer kleinen Überraschung. Meine Begleitung und ich waren uns über die Abflugzeit uneinig – und zwar so lange, bis wir feststellten, dass wir tatsächlich zwei verschiedene Flüge nach Frankfurt gebucht hatten. Nicht gerade die ideale Vorbereitung auf einen Langstreckenflug, aber zumindest sorgte es schon vor dem Abflug für Unterhaltung.
Von Frankfurt aus brachte uns ein Lufthansa Airbus A340-300 wieder über den Atlantik. An Bord befanden sich auch zahlreiche österreichische Fußballfans, dennoch war die Maschine bei Weitem nicht ausgebucht. Während des rund elfstündigen Fluges kam ich mit einem anderen Fan ins Gespräch. Er wollte wissen, woher wir unsere Eintrittskarten hätten. Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass wir sie über das Kontingent unseres Fanklubs erhalten hatten.
Seine Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
„Wiener Mafia.“
Interessant. Man kann mir vieles vorwerfen – aber sicher nicht, dass ich erst seit gestern die österreichische Nationalmannschaft begleite. Seit mittlerweile 26 Jahren fahre ich ihr ins Ausland nach. Trotzdem war mir dieser Mann in all den Jahren noch nie begegnet. Manche Menschen schaffen es eben innerhalb weniger Sekunden, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen – wenn auch nicht unbedingt einen positiven.
Nach rund elf Stunden landeten wir schließlich am Nachmittag in Dallas. Diesmal stellte sich sofort dieselbe Frage wie bei meiner letzten Einreise in die USA: Wie wird wohl die Grenzkontrolle ablaufen? Nach meinen Erfahrungen zwei Wochen zuvor in San Francisco war ich auf alles vorbereitet.
Doch diesmal verlief alles erstaunlich unkompliziert. Kein separates Zimmer, keine endlosen Fragen, keine misstrauischen Blicke. Die Beamtin war freundlich, erledigte ihre Arbeit in aller Ruhe und nach kaum zwei Minuten war ich offiziell wieder in den Vereinigten Staaten eingereist. So angenehm kann Einreise also auch sein.
Unser Hotel befand sich in Arlington – nur wenige Minuten vom Stadion der Dallas Cowboys entfernt. Obwohl draußen Temperaturen herrschten, bei denen selbst Kakteen ins Schwitzen geraten dürften, beschlossen wir, die Umgebung noch ein wenig zu erkunden. Schließlich wollte man nicht den gesamten ersten Abend im klimatisierten Hotel verbringen.
Am nächsten Morgen wartete beim Frühstück bereits die nächste Begegnung. Nicht nur Messi-Fans saßen im Frühstücksraum, sondern auch einige Anhänger Österreichs.
Einen älteren Herrn im rot-weiß-roten Trikot begrüßte ich selbstverständlich auf Deutsch. Zu meiner Überraschung antwortete er allerdings auf Englisch.
Er erzählte mir, dass er aus dem US-Bundesstaat Utah komme. Seine Großmutter stamme noch aus „K.u.K.-Österreich“, weshalb er heute selbstverständlich Österreich die Daumen drücke. Mit solchen Geschichten rechnet man tausende Kilometer von zu Hause entfernt wirklich nicht.
Gemeinsam mit zwei weiteren Österreichern machten wir uns anschließend auf den Weg zum offiziellen Treffpunkt. Bereits um acht Uhr morgens zogen Hunderte Fans in Rot-Weiß-Rot singend Richtung Stadion. Die Stimmung war hervorragend, nur die Temperaturen erinnerten eher an einen Backofen als an einen gemütlichen Fußballvormittag.
Vor dem Stadion spielte österreichische Musik, zwischendurch erklang sogar „Last Christmas“ von Wham! – mitten im Hochsommer in Texas. Warum? Gute Frage. Wahrscheinlich, weil Fußballfans ohnehin irgendwann alles mitsingen.
Dazu gab es – wie bei Großveranstaltungen üblich – Bier zu Preisen, bei denen man kurz überlegte, ob man stattdessen nicht lieber den Becher essen sollte.
Besonders schön an so Großveranstaltungen sind jedoch die vielen bekannten Gesichter. Immer wieder traf ich Fans, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Natürlich wurde über Gott und die Welt geplaudert, über vergangene Auswärtsfahrten, alte Geschichten und alles, was sich seit dem letzten Treffen ereignet hatte. Genau diese Begegnungen machen solche Turniere oft mindestens genauso besonders wie die Spiele selbst.
Während die Sonne unbarmherzig vom Himmel brannte und die Temperaturen weiter stiegen, wurde die Lösung immer offensichtlicher:
Ab ins Stadion!
Dort herrschten dank der gewaltigen Klimaanlage angenehme 22 Grad.
Und was für ein Stadion!
Das heutige AT&T Stadium, die Heimat der Dallas Cowboys, wurde 2009 eröffnet und kostete damals rund 1,3 Milliarden US-Dollar – eines der teuersten Stadien der Welt. Mehr als 80.000 Zuschauer finden dort regulär Platz, bei Großveranstaltungen sogar über 100.000. Neben NFL-Spielen werden hier unter anderem Konzerte, Boxkämpfe, WrestleMania, College-Football und auch mehrere Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 ausgetragen. Schon beim Betreten merkt man sofort: Dieses Stadion ist weniger eine Sportstätte als vielmehr eine gigantische Entertainment-Arena.
Kaum hatten wir unsere Plätze eingenommen, wurde eines schnell klar: Österreich würde heute nicht nur gegen den amtierenden Weltmeister antreten, sondern auch gegen dessen riesige Fan-Kulisse.
Schon beim Blick auf die Tribünen war offensichtlich, dass wir deutlich in der Unterzahl waren. Zwar hatten sich einige Tausend Österreicher auf den Weg nach Texas gemacht und sorgten lautstark für Stimmung, doch gegen das blau-weiße Fanmeer aus Argentinien war kaum anzukommen. Und selbst viele Zuschauer, die weder aus Argentinien noch aus Österreich stammten, hatten Trikots ihres Idols Messi an. Man hatte zeitweise das Gefühl, weniger ein Fußballspiel als vielmehr eine große Huldigung für Lionel Messi zu besuchen.
Natürlich blieb trotzdem genügend Zeit für Gespräche mit anderen österreichischen Fans. Einige erzählten mir von ihren Erlebnissen beim ersten Gruppenspiel in Santa Clara – Geschichten, die ich gespannt verfolgte und die Lust auf weitere Abenteuer machten.
Währenddessen liefen auf den beiden gigantischen Videowänden des Stadions bereits die ersten Einspieler.
Und dann ging es los.
Messi. Messi. Messi. Messi.
Über zehn Minuten lang zeigte die FIFA nahezu ausschließlich Tore, Dribblings und Höhepunkte von Lionel Messi. Immer wieder brandete Jubel auf, als würde das Spiel bereits laufen. Vielleicht ist Messi einer der größten Fußballer aller Zeiten. Dennoch wirkte diese Dauerwerbesendung des Veranstalters etwas übertrieben. Da konnte man schon ins Grübeln kommen.
War das vielleicht auch der Grund, warum Messi im ersten Gruppenspiel nach seinem harten Einsteigen nicht die Rote Karte gesehen hatte? Nach den internationalen Fußballregeln hätte man diese zeigen müssen. In diesem Fall wäre er gegen Österreich gesperrt gewesen. Aber was hätte die FIFA dann wohl zehn Minuten lang auf den riesigen Bildschirmen gezeigt?
Die beiden Videowände des AT&T Stadiums sind übrigens selbst eine Attraktion. Als sie 2009 installiert wurden, galten sie als die größten hochauflösenden Stadionbildschirme der Welt. Die Konstruktion hängt rund 27 Meter über dem Spielfeld, ist fast 55 Meter lang und wiegt unglaubliche über 500 Tonnen. Allein die Stromversorgung verschlingt bei voller Helligkeit enorme Energiemengen – kein Wunder bei mehreren Millionen LEDs. Selbst Zuschauer in der letzten Reihe erkennen jede Wiederholung gestochen scharf.
Zum Ausgleich zeigte die FIFA anschließend auch einige österreichische Fußballmomente. Über die Bildschirme flimmerten Tore von Rodax, Ogris, Krankl und Prohaska. Da wurde bei vielen rot-weiß-roten Fans sofort in Erinnerungen geschwelgt.
Dann begann das Spiel.
Den verschossenen Elfmeter, das eindeutige Foul vor dem 1:0 und schließlich das zweite Gegentor bei völlig offener Abwehr mussten wir leider mitansehen. Österreich kämpfte tapfer, doch das erhoffte Fußballwunder gegen den amtierenden Weltmeister blieb aus.
Nach dem Schlusspfiff brachte es der bekanntesten Fans aus Vorarlberg perfekt auf den Punkt.
„Heute waren fünf Prozent Österreicher, dreißig Prozent Argentinier und der Rest waren Messi-Fans im Stadion.“
Treffender hätte man die Atmosphäre kaum beschreiben können.
Vielleicht genießt Messi aufgrund seines weltweiten Marketings tatsächlich manchmal eine gewisse Narrenfreiheit. Das muss jeder für sich selbst beurteilen. Für mich braucht es diesen Kult jedenfalls nicht. Den anderen, ihr wisst schon wen ich meine, übrigens genauso wenig.
Nach dem Spiel begann zunächst die nächste Herausforderung: die Bushaltestelle zu finden.
Bei Temperaturen jenseits der 35 Grad fühlte sich bereits der Weg dorthin wie ein kleiner
Wüstenmarsch an. Schließlich fanden wir unseren Bus. Genauer gesagt sogar zwei nostalgische Reisebusse, die bereits einige Jahrzehnte auf dem Buckel hatten. Gemeinsam mit rund fünfzig österreichischen Fans machten wir uns auf den Weg in die Nachbarstadt Fort Worth.
Zum Glück funktionierte wenigstens die Klimaanlage tadellos.
Fort Worth gilt als die Stadt, in der der Wilde Westen bis heute weiterlebt. Besonders bekannt sind die historischen Stockyards, ein ehemaliger Viehumschlagplatz aus dem 19. Jahrhundert. Damals wurden hier jedes Jahr Millionen Rinder verladen, heute spaziert man zwischen alten Holzhäusern, Saloons, Westernläden und Cowboybars durch eine Kulisse, die aussieht, als wäre sie direkt einem Westernfilm entsprungen.
Das Highlight ist der tägliche Longhorn-Rindertrieb. Zweimal am Tag werden mächtige Texas-Longhorn-Rinder mit ihren beeindruckenden Hörnern von echten Cowboys gemütlich durch die Hauptstraße geführt – fast so wie vor über hundert Jahren. Natürlich ließen wir uns dieses Spektakel nicht entgehen.
Anschließend stärkten wir uns in einem der urigen Restaurants. Wer Texas besucht, sollte schließlich auch einmal ordentlich essen.
Danach wurde es sportlich.
Oder zumindest war das der Plan.
Natürlich durfte ein Versuch auf dem Rodeobullen nicht fehlen. Voller Zuversicht setzte ich mich auf den Rücken des mechanischen Ungetüms. In Gedanken sah ich mich bereits als texanischen Cowboy.
Die Realität hatte allerdings andere Pläne.
Nach wenigen Sekunden machte ich Bekanntschaft mit dem Boden. Immerhin konnte ich behaupten, überhaupt oben gesessen zu haben. Manche Rodeokarrieren enden eben schneller als andere. Für einige Lacher bei den übrigen Österreichern war jedenfalls gesorgt.
Auf der Rückfahrt wurde wieder gefachsimpelt. Viele Fans erzählten von ihrer Reise quer durch die USA – einige waren sogar mit dem Auto von der Westküste bis nach Dallas gefahren. Zugegeben: Ein klein wenig neidisch war ich schon auf ihre Erlebnisse.
Am Abend brachte uns unsere Busfahrerin Gina, die diese Strecke bereits seit 1998 fährt und unser Hotel deshalb bestens kannte, sogar direkt bis vor den Hoteleingang.
Nach diesem langen Tag gab es eigentlich nur noch einen vernünftigen Abschluss.
Eine wohlverdiente Abkühlung im Hotelpool.
Am Dienstag hieß es zunächst Abschied nehmen von Arlington – zumindest für ein paar Stunden. Unser Hotel lag zwar praktisch direkt neben dem Stadion, doch heute stand Dallas selbst auf dem Programm.
Obwohl Arlington und Dallas nur rund 30 Kilometer voneinander entfernt liegen, wird einem schnell bewusst, dass in Texas ohne Auto oder Taxi nicht viel geht. Öffentliche Verkehrsmittel spielen hier eher eine Nebenrolle. Also stiegen wir ins Taxi und ließen uns zu einem Ort bringen, der Geschichte geschrieben hat – wenn auch auf tragische Weise.
Unser erstes Ziel war die Dealey Plaza, jener Platz, an dem am 22. November 1963 der damalige US-Präsident John F. Kennedy während einer Parade erschossen wurde. Die tödlichen Schüsse fielen, als seine offene Limousine die Elm Street entlangfuhr. Offiziell gilt Lee Harvey Oswald als Täter, der aus dem sechsten Stock des heutigen Sixth Floor Museum geschossen haben soll. Dennoch ranken sich bis heute unzählige Verschwörungstheorien um das Attentat – von einem zweiten Schützen bis hin zu Geheimdiensten oder der Mafia. Über 60 Jahre später beschäftigt dieser Mord Historiker und Hobbydetektive gleichermaßen.
Heute erinnert an der Stelle vor allem ein großes weißes „X“, das auf der Straße genau den Ort markiert, an dem Kennedy tödlich getroffen wurde. Natürlich standen auch wir dort. Es war ein eigenartiges Gefühl. Einerseits fuhren im Sekundentakt Autos vorbei, andererseits wusste man genau, dass sich an dieser Stelle Weltgeschichte abgespielt hatte. Die Atmosphäre war überraschend ruhig und nachdenklich. Für einen Moment rückte Fußball völlig in den Hintergrund.
Nach so viel Geschichte durfte es anschließend etwas leichter werden. Bei inzwischen wieder hochsommerlichen Temperaturen gönnten wir uns zunächst eine dringend benötigte Abkühlung – natürlich in einem amerikanischen Fast-Food-Restaurant, dessen goldene Bögen wohl jeder auf der Welt kennt.
Frisch klimatisiert ging es danach weiter zum Reunion Tower.
Der Eintritt schlug zwar mit stolzen 40 US-Dollar zu Buche, doch schon wenige Minuten später war klar: Das Geld war gut investiert.
Mit dem Aufzug schossen wir auf rund 171 Meter Höhe. Der markante Turm wurde 1978 eröffnet und gehört mit seiner beleuchteten Kugel längst zur Skyline von Dallas. Oben angekommen erwartete uns eine fantastische 360-Grad-Aussicht.
Bei strahlendem Sonnenschein lag uns die gesamte Stadt zu Füßen. Die endlosen Highways zogen sich wie graue Bänder durch die texanische Metropole, dazwischen ragten die Wolkenkratzer der Innenstadt empor. Sofort fühlte ich mich an den legendären Vorspann der Fernsehserie „Dallas“ erinnert. Von hier oben wurde einem erst richtig bewusst, wie riesig diese Stadt eigentlich ist. Selbst das Stadion in Arlington ließ sich in der Ferne nur mit Mühe erkennen – dafür ist die Entfernung einfach zu groß.
Während wir die Aussicht genossen, passierte etwas, womit wohl niemand gerechnet hätte.
Plötzlich standen zwei bekannte Gesichter vor uns.
Es waren genau jene beiden Freunde, mit denen ich wenige Tage zuvor noch auf dem Onkelz-Konzert gewesen war und die mich in den kommenden Tagen durch die USA begleiten würden.
Wie klein die Welt manchmal doch ist.
Nach so vielen Eindrücken zog es uns anschließend in einen Irish Pub, in dem gerade das Spiel England gegen Ghana übertragen wurde. Vor allem aber lockte die angenehme Klimaanlage. Nach einigen Stunden in der texanischen Sonne war jeder schattige Platz Gold wert.
Wir blieben deutlich länger als geplant, genossen das Spiel und ließen die bisherigen Erlebnisse Revue passieren.
Erst nach dem Schlusspfiff machten wir uns auf den Weg in den Stadtteil Deep Ellum.
Und dieser Stadtteil gefiel mir auf Anhieb.
Deep Ellum gilt als das kreative Herz von Dallas. Früher war das Viertel vor allem für Jazz- und Bluesclubs bekannt, heute prägen unzählige Bars, kleine Restaurants, Musikclubs und beeindruckende Wandgemälde das Straßenbild. An beinahe jeder Ecke entdeckt man riesige Murals, die den Häuserfassaden ihren ganz eigenen Charakter verleihen.
Da wir noch relativ früh unterwegs waren, hatten viele Lokale allerdings noch geschlossen. Trotzdem herrschte eine angenehme Atmosphäre. Alles wirkte sauber, entspannt und einladend. Man konnte sich gut vorstellen, wie hier am Abend das Leben pulsiert, wenn Live-Musik aus den Bars erklingt und sich die Straßen mit Menschen füllen. Für mich war schnell klar: Deep Ellum gehört definitiv zu den schönsten Vierteln, die ich in Dallas gesehen habe.
Am nächsten Morgen hieß es Abschied nehmen von Dallas. Doch das nächste Abenteuer wartete bereits.
.jpg/picture-200?_=19f74e1d4e8)
.jpg/picture-200?_=19f74e1e488)
.jpg/picture-200?_=19f74b50c10)
.jpg/picture-200?_=19f74b50828)
.jpg/picture-200?_=19f74b4ae50)
.jpg/picture-200?_=19f74b4f4a0)
.jpg/picture-200?_=19f74b4f0b8)
.jpg/picture-200?_=19f74b50c10)
.jpg/picture-200?_=19f74b4f888)
.jpg/picture-200?_=19f74b50058)
.jpg/picture-200?_=19f74b4fc70)
.jpg/picture-200?_=19f74b4ecd0)
.jpg/picture-200?_=19f74b4e8e8)
.jpg/picture-200?_=19f74b4e118)
.jpg/picture-200?_=19f74b4d948)
.jpg/picture-200?_=19f74e1c548)