onthewaywiththomas
"Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen." Johann Wolfgang von Goethe

Minsk - auf der Transib 2016




Noch vor Mitternacht erreichte der Bus die Grenze zur  weißrussischen Stadt Brest. Bei der Ausreise aus der EU verlief alles ohne Problem. Doch die Einreise nach Weißrussland entwickelte sich… sagen wir mal… zu einer kleinen Bühnenshow.
Das Visum hatte ich mir ja schon Wochen zuvor besorgt, vorbildlich lag alles bereit. Also trat ich selbstbewusst zur Grenzbeamtin. Dass sie meine Papiere kontrolliert, klar. Aber wie sie das tat, hatte schon etwas von einer forensischen Untersuchung: Jede einzelne Seite wurde akribisch nach Ungereimtheiten abgesucht, besonders jene mit meinem Foto. Mehrere Seiten hielt sie gegen das Licht, als würde sie geheime Wasserzeichen einer Parallelwelt suchen. Fertig? Natürlich nicht! Jetzt kamen die Spezialeffekte: UV-Licht, verschiedene Lampen, ein ganzes Lichtspektakel, fast wie in einer Disco. Ich kam mir langsam vor wie ein schlecht vorbereiteter Schmuggler in einem Agentenfilm.
Was glaubte sie? Dass ich mich nach Weißrussland absetze und dort eine neue Karriere als Kartoffelbauer starte? Ihr Gesicht blieb dabei durchgehend ernst, vielleicht war sie einfach kein Fan von Nachtdiensten. Am Ende war mein Pass dann doch original, das Visum korrekt und ich durfte passieren.
Ein älterer Beamter, vielleicht… aber wirklich nur vielleicht… leicht angeheitert, fragte mich dann noch, ob ich eine Kalaschnikow oder Drogen dabei hätte. Beides musste ich enttäuschend verneinen. Also zurück in den Bus und um 5 Uhr morgens waren wir in der Hauptstadt Weißrusslands: Minsk.
Die Strecke kannte ich bereits ein wenig, da ich 2013 beruflich mit dem Auto nach Minsk gefahren war – ohne Navi, versteht sich. Wer mich kennt, weiß: Diesen „Blechtrottel“ lehne ich konsequent ab. Wozu braucht man von Wien nach Moskau ein Navi? Alles angeschrieben! Zumindest meistens…
Weißrussland, oder Belarus, wie es offiziell heißt, ist flächenmäßig fast 2,5x so groß wie Österreich, hat aber nur rund 9 Millionen Einwohner. Politisch ist das Land seit Jahrzehnten stark autoritär geprägt und gilt als enger Verbündeter Russlands. Auch die Katastrophe von Tschernobyl 1986 hat Belarus stark getroffen. Ein großer Teil des radioaktiven Niederschlags ging damals auf weißrussisches Gebiet nieder.


Da ich noch weißrussische Rubel von 2013 übrig hatte, kaufte ich mir als „Frühstück“ eine 0,5-Liter-Flasche Coca-Cola und zahlte dafür 15.000 BYR. Klingt nach viel, ist aber umgerechnet mit etwa 70 Cent durchaus fair. Nachdem bereits im Jahr 2000 die erste Währungsreform den BYB durch den BYR ersetzt hatte, wurde im Juli 2016,  also nur wenige Wochen nach meinem Aufenthalt, der BYR wiederum durch den BYN ersetzt. Ein echtes Erfolgsmodell, dieser weißrussische Rubel.
Meine Unterkunft lag praktischerweise direkt auf der anderen Seite des Bahnhofs. Nicht zufällig, ich hatte schlicht keine Lust, übermüdet durch die Stadt zu irren. Nach einer schnellen Dusche fiel ich ins Bett. Doch schon um 10 Uhr stand ich wieder auf den Beinen.
Erster Programmpunkt: der Bahnhof. Auf meinem Zugticket prangte nämlich ein roter Streifen  und ich hatte absolut keine Ahnung, was der bedeutete. Mein Gefühl sagte mir: nichts Gutes. Am Bahnhof selbst konnte mir allerdings niemand helfen – Englisch? Fehlanzeige. Mein Russisch? Sagen wir… ausbaufähig. Also verschob ich das Problem elegant auf später und startete meine Erkundungstour.
Minsk selbst ist mit rund 2 Millionen Einwohnern die größte Stadt des Landes und liegt ziemlich zentral in Belarus. Die Stadt ist das wirtschaftliche und politische Herz des Landes, geprägt von breiten Straßen, monumentaler Architektur und einem starken sowjetischen Einfluss, der bis heute sichtbar ist.
Kaum verlässt man den Bahnhof, fallen einem die berühmten „Bahnhofstürme“ auf, auch bekannt als „Gates of Minsk“. Diese beiden symmetrischen Hochhäuser im stalinistischen Stil wirken wie ein monumentales Eingangstor zur Stadt und sollen Besucher direkt beeindrucken, was ihnen auch gelingt.


Von dort aus schlenderte ich weiter Richtung Dinamo-Stadion. Als ich dort war, wurde es gerade umgebaut. Die historische Außenfassade wurde sorgfältig gestützt, damit sie erhalten bleibt. Heute erstrahlt das Stadion in neuem Glanz und dient unter anderem als moderne Leichtathletik- und Fußballarena.
Wenn ich 2019 wieder nach Minsk kommen würde, wäre das Stadion längst fertig. Von dieser Reise – die mich auch nach Riga und Vilnius führte – erzähle ich ein anderes Mal.
Ich flanierte weiter zum Unabhängigkeitsplatz, der bis 1991 noch Lenin-Platz hieß. Also zum sogenannten Unabhängigkeitsplatz. Blickt man sich dort um, fragt man sich unweigerlich: Wo genau ist hier die Unabhängigkeit? Überall sowjetische Symbole. Hammer und Sichel auf dem Hauptpostamt, dem Regierungshaus, der Universität. Und natürlich eine Lenin-Statue. Das ist also das, was man hier unter Unabhängigkeit versteht. Hätte man den Namen Lenin-Platz einfach beibehalten, wäre es zumindest ehrlich gewesen.


Besonders auffällig ist die rote Kirche auf dem Platz: die Kirche der Heiligen Simon und Helena. Sie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts im neugotischen Stil erbaut und diente während der Sowjetzeit sogar zeitweise als Kino. Heute ist sie eines der bekanntesten religiösen Bauwerke der Stadt  und erfreulicherweise frei von sowjetischer „Dekoration“.
Ich setzte meinen Spaziergang fort und machte mich auf den Weg zum „Point Zero of Belarus“. Dieser Punkt markiert das geografische Zentrum des Landes und dient als Ausgangspunkt für Entfernungsangaben. Er liegt am Oktjabrskaja-Platz und ist ein beliebtes Fotomotiv, sozusagen der Ort, an dem alle Wege in Belarus beginnen.
Nordöstlich der Stadt, außerhalb des äußeren Autobahnrings M9, liegt das Museum für Luftfahrttechnik. Schon beim Ticketkauf wurde ein Mitarbeiter auf mich aufmerksam. Er sprach gebrochen Deutsch. Er hatte, wie er erzählte, einst in der DDR gedient. Für die Sowjetunion natürlich. Vielleicht freute er sich einfach, jemanden aus dem Westen zu treffen  oder er war generell ein enthusiastischer Mensch.
Er führte mich über das Gelände. Die zivilen Flugzeuge musste er mir nicht kommentierten, da ich ihm womöglich mehr zurück erzählt hätte, als er weiß. Doch bei den Kampfjets blühte er mit seinen Erzählungen richtig auf. Stolz erzählte er von Heldentaten sowjetischer Piloten, besonders im Afghanistan-Krieg und zeigte begeistert auf die Maschinen. Das Museum beherbergt eine beeindruckende Sammlung von Flugzeugen – von MiG-Kampfjets, YAK-42, IL-14, AN-12 bis hin zu Transportmaschinen. In einige durfte man sogar hineinklettern. Ein Erlebnis zwischen kindlicher Begeisterung und leichtem Unbehagen angesichts der militärischen Geschichte.


Mit dem Bus wollte ich zurück in die Stadt fahren, als ich an der Haltestelle ein Handy fand. Eingeschaltet. Neugierig wie ich bin, nahm ich es mit  und wenige Minuten später klingelte es. Die erste Anruferin sprach kein Englisch. Beim zweiten Versuch hatte ich mehr Glück: ein Mann, gebrochenes Englisch. Ich erklärte ihm meinen Standort und wartete bei McDreck auf ihn.
Wem das Handy wirklich gehörte, wie es verloren ging und wer dieser Mann genau war – keine Ahnung. Aber er spendierte mir ein Getränk als Dankeschön, und ich zog weiter.
Mein nächstes Ziel: das Victory Monument. Dieses imposante Denkmal erinnert an den Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. In der Mitte ragt ein hoher Obelisk empor, davor brennt die ewige Flamme. Auf den umliegenden Gebäuden prangen riesige Schriftzüge und Symbole, die an den „Großen Vaterländischen Krieg“ erinnern.
Apropos: In ehemaligen Sowjetstaaten liest man auf Denkmälern oft die Jahreszahlen 1941–1945 statt 1939–1945. Der Grund: Für die Sowjetunion begann der Krieg offiziell erst 1941 mit dem deutschen Angriff. Dass Deutschland und die Sowjetunion 1939 gemeinsam Polen überfallen haben, wird dabei gerne ausgeblendet. Der Begriff „Großer Vaterländischer Krieg“ dient bis heute als identitätsstiftende Erzählung.


Weiter ging es zum Holocaust-Denkmal „Jama“. Es befindet sich an der Stelle eines ehemaligen Ghettos, in dem während der deutschen Besatzung tausende Juden ermordet wurden. Besonders eindrucksvoll ist die Skulpturengruppe, die die Opfer symbolisch in die Tiefe schreiten lässt – ein Ort, der nachdenklich stimmt.
Was darf bei einem Minsk-Besuch nicht fehlen? Natürlich ein Abstecher zum Minsker Traktorenwerk. Die dazugehörige U-Bahn-Station trägt sogar den Namen des Werks. Noch 2015 zierten Lenin und andere kommunistische Symbole das Gelände. Im April 2016 waren sie verschwunden und durch die Aufschrift „Minsker Traktorenwerke“ ersetzt.
Der berühmte Traktor „Belarus“ wird seit den 1950er-Jahren produziert und zählt zu den meistgebauten Traktoren der Welt. Millionen Stück wurden hergestellt und in über 100 Länder exportiert, darunter auch in  heutige EU-Staaten. Zu Spitzenzeiten arbeiteten zehntausende Menschen im Werk.


Die Sonne neigte sich langsam dem Horizont zu und ich machte mich auf den Weg zum Traktor-Stadion. Unterwegs sprach mich ein junger Weißrusse an und wollte eine Zigarette. Hatte ich nicht, dafür Snus. Das kannte er wiederum überhaupt nicht. Mit Händen und Füßen erklärte ich ihm die Anwendung. Er verzichtete dankend.
Neben dem alten Stadion steht heute ein neues, modernes – vielleicht komme ich ja eines Tages in das neue Stadion hinein.
Der Tag war zu Ende und ich musste meinen Tramperrucksack aus der Unterkunft holen. Obwohl diese direkt neben dem Bahnhof lag, verlief ich mich komplett. Mit Adresse in der Hand fragte ich eine junge Frau, die kurzerhand ein Taxi für mich organisierte. Peinlich, wie ich mich verlaufen bin.
Im Hostel herrschte Partystimmung, doch ich hatte keine Zeit dafür. Was musste ich noch erledigen? Richtig! Das Ticketproblem! Beim Packen sprach mich ein Gast an und lud mich ein, mich dazuzusetzen. Ich erklärte ihm meine Lage  und er bot sofort Hilfe an. Er begleitete mich zum Bahnhof und übersetzte für mich.
Der rote Streifen auf meinem Ticket, das ich über die russische Staatseisenbahn RZD (spricht man ungefähr so aus „er sche de“) gekauft habe, bedeutete tatsächlich: ungültig. Warum, konnte mir niemand erklären. Also musste ich ein neues Ticket kaufen. Über 65 Euro. Immerhin wurden mir die ursprünglichen 52 Euro sofort zurückerstattet.
Auf dem Weg erzählte er mir seine Geschichte: Er komme aus Sibirien – zuerst verstand ich Serbien – und sei in Minsk auf der Suche nach seinem Kind. Im Thailand-Urlaub hatte er eine Weißrussin kennengelernt, sie wurde schwanger und verschwand. Nun durchstreifte er Minsk, in der Hoffnung, irgendwo auf eine Spur zu stoßen. Eine Geschichte irgendwo zwischen Tragödie und Hoffnungsschimmer.
Ob er sein Kind jemals fand? Ich bezweifle es.
Da noch Zeit blieb, tranken wir ein Bier und nein, für jene die mit mir bereits im Osten unterwegs waren, es war diesmal nicht mein Lieblingsbier. Zum Lieblingsbier werde ich noch kommen. Fast schon fürsorglich brachte er mich schließlich zum richtigen Waggon und verabschiedete sich.
Einsteigen im Zug lief ab jetzt, wie üblich in Russland und einigen anderen Ländern so: Reisepass zeigen, Ticket nebensächlich, der Name steht ja auf der Liste. Platz suchen, Bettwäsche holen, Bett beziehen. Ich hatte ein kleines Abteil ganz für mich allein.
Um 00:25 Uhr setzte sich der Zug langsam in Bewegung. Nächster Halt: Moskau