Omsk
Ich hatte meine erste richtig lange Etappe hinter mir. Von Perm bis nach Omsk sind es mit dem Auto über 1.300 Kilometer, ungefähr so weit wie von Wien bis Monaco. Mit dem Zug brauchte ich mehr als 17 Stunden, bezahlt hatte ich damals rund 45 Euro. Und ehrlich gesagt: Das war auch dringend nötig. Endlich einmal Zeit zum Durchschnaufen.
Mein Programm in den letzten zwei Wochen war ziemlich gnadenlos gewesen: wenig Schlaf, stundenlanges Herumstreifen durch Städte, unzählige Eindrücke und dazu ständig irgendwelche unerwarteten Aktionen.
Nach der Abfahrt aus Perm konnte ich am nächsten Tag zum ersten Mal seit Langem richtig ausschlafen. Das fühlte sich an wie ein Wellnessurlaub auf Schienen.
Gegen 16:30 Uhr erreichte ich schließlich Omsk. Den restlichen Tag und den darauffolgenden sollte ich dort verbringen. Für die Nacht zahlte ich damals gerade einmal ungefähr fünf Euro. Dafür bekommt man in Wien heutzutage vermutlich nicht einmal mehr ein belegtes Brötchen am Bahnhof.
Omsk gehört zu den größten Städten Sibiriens und hat über eine Million Einwohner. Die Stadt liegt am Fluss Irtysch und war früher ein wichtiger militärischer Außenposten des Russischen Reiches. Später entwickelte sich Omsk zu einem bedeutenden Industrie- und Eisenbahnknotenpunkt an der Transsibirischen Eisenbahn. Die Stadt wirkt auf den ersten Blick oft rau und grau, aber genau das macht ihren besonderen Charakter aus: riesige Straßen, sowjetische Monumentalbauten, alte Holzhäuser dazwischen und dieses typisch sibirische Gefühl von endloser Weite. Berühmt ist Omsk übrigens auch dafür, dass der Schriftsteller Dostojewski hier mehrere Jahre in einem Straflager verbringen musste. Keine besonders gute Werbung für die Stadt, aber definitiv historisch interessant. Spätestens hier wurde mir klar: Ich war jetzt offiziell in Sibirien. Ein seltsamer Moment. Plötzlich befindet man sich an einem Ort, den man früher nur aus Geschichtsbüchern, Dokumentationen über Gulags oder völlig übertriebenen Wetterberichten kannte. Und trotzdem liefen die Menschen hier ganz normal herum, gingen einkaufen, fuhren Straßenbahn und beschwerten sich vermutlich genauso über das Wetter wie überall sonst auf der Welt.
Schon der Bahnhof von Omsk machte ordentlich Eindruck. Das Gebäude strahlte in seiner türkis-grünen Farbe fast majestätisch in der Abendsonne. Für eine Stadt mitten in Sibirien wirkte der Bahnhof erstaunlich prachtvoll, fast wie ein kleiner Palast für Reisende. Direkt davor steht das Monument „Railway Man“, ein Denkmal für die Eisenbahner, die die Transsibirische Eisenbahn aufgebaut und betrieben haben. Gerade in Sibirien war die Eisenbahn überlebenswichtig. Ohne sie wären viele Städte praktisch von der Außenwelt abgeschnitten gewesen. Das Denkmal erinnerte mich daran, dass diese Züge hier nicht einfach nur Transportmittel sind, sondern eine Art Lebensader des gesamten Landes.
Und wer begrüßte mich vor der untergehenden Sonne im Vordergrund? Na wer wohl? Lenin natürlich. Der Mann darf in Russland einfach nicht fehlen. Nicht dass Reisende am Ende noch vergessen würden, in welchem politischen System hier jahrzehntelang alles organisiert wurde.
Voller Energie wollte ich die letzten Sonnenstunden noch ausnutzen. Viel Zeit blieb allerdings nicht mehr. Im Park Kultury stand ein Riesenrad, eines dieser sowjetischen Modelle, bei denen man sich schon beim bloßen Anschauen fragt, ob TÜV-Prüfungen hier eher als freundliche Empfehlung verstanden werden. Den leicht lebensbedrohlichen Zustand solcher Fahrgeschäfte war ich mittlerweile allerdings gewohnt, also setzte ich mich ohne großes Zögern hinein. Dein eigenes Kind würdest du dort wahrscheinlich keine drei Sekunden reinsetzen.
Eigentlich hatte das Riesenrad für diesen Tag bereits geschlossen, aber für mich machte man noch einmal auf. Russland, manchmal läuft alles unglaublich streng und manchmal öffnen sie einfach ein ganzes Fahrgeschäft nur für irgendeinen Touristen aus Österreich.
Während sich das Riesenrad langsam knarzend nach oben kämpfte, lag Omsk unter mir im orangefarbenen Licht der Abendsonne. Der Irtysch spiegelte die letzten Sonnenstrahlen wider, während die Plattenbauten am Horizont langsam im Dunst verschwammen. Dazwischen ragten Fabrikschlote, alte Wohnblocks und vereinzelte goldene Kirchturmkuppeln hervor. Ein typisch sibirischer Mix aus Industrie, Sowjetromantik und russischer Geschichte. Je dunkler es wurde, desto mehr begannen die Straßenlichter die Stadt in dieses melancholische postsowjetische Flair zu tauchen, das man kaum beschreiben kann, wenn man es nicht selbst gesehen hat.
Der Park Kultury selbst wirkte zu dieser Jahreszeit noch etwas verschlafen. Der Winter hatte sich noch nicht ganz verabschiedet, an einigen Wegrändern lag noch eine dünne Schicht schmutziger Schnee. Von Frühling war zwar noch wenig zu sehen, aber genau das hatte seinen eigenen Charme: kahle Bäume, leere Wege und dazwischen ein paar Familien, die bereits so taten, als hätte der Sommer begonnen.
Am nächsten Tag erwartete mich herrlicher Sonnenschein. Also zog ich wieder los und erkundete die Stadt. Wie praktisch überall auf meiner Russlandreise begegneten mir auch in Omsk ständig Lenin-Statuen, sowjetische Denkmäler und irgendwo natürlich auch wieder ein Panzer auf einem Sockel. Russland schafft es wirklich, Kriegsgerät dekorativ wirken zu lassen.
Je weiter ich durch Omsk streifte, desto stärker fiel mir auf, wie unterschiedlich Russland außerhalb Moskaus aussieht. Die Straßenbahnen klapperten teilweise so laut über die Schienen, als würden sie jeden Moment auseinanderfallen. Manche Waggons wirkten, als hätten sie bereits mehrere politische Systeme überlebt. Die Infrastruktur war deutlich heruntergekommener als in Moskau, vieles wirkte improvisiert, alt oder schlicht vergessen. Gleichzeitig hatte genau das aber auch etwas Ehrliches. Omsk versuchte nicht geschniegelt und geschniegelt modern zu wirken. Die Stadt zeigte einfach offen ihre sowjetischen Narben.
Irgendwann kam ich auch an einem Stadion vorbei – wobei „Stadion“ fast schon großzügig formuliert wäre. Eher ein etwas zu groß geratener Sportplatz mit Tribüne. Aber genau dort zeigte sich wieder dieser typisch russische Charme: Die alten Sitze auf den Rängen waren in den Farben der russischen Flagge gestrichen, als müsste selbst die heruntergekommenste Fußballtribüne des Landes noch einmal klarstellen, in welchem Staat man sich gerade befindet.
Zwischendurch schlenderte ich am Irtysch entlang, beobachtete Pensionistne auf Parkbänken, Kinder beim Spielen und die typischen russischen Babuschkas, die mit einer Ernsthaftigkeit über den Markt marschierten, als hinge die Zukunft des Landes von ihrem Einkauf ab. Überhaupt wirkte Omsk viel ruhiger als die vorherigen Städte meiner Reise. Weniger hektisch, viel weniger touristisch, dafür deutlich authentischer.
Nach etwas mehr als einem Tag in Omsk machte ich mich am späten Abend wieder auf den Weg zum Bahnhof, ehe mein Zug eine Minuten nach Mitternacht weiter Richtung Osten fuhr…
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