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"Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen." Johann Wolfgang von Goethe

Srebrenica





Im vergangenen November reiste ich zum Fußballländerspiel Bosnien und Herzegowina gegen Österreich nach Bosnien. Während dieser Reise besuchte ich auch die Gedenkstätte in Srebrenica, einen Ort, der für eines der schlimmsten Verbrechen Europas seit dem Zweiten Weltkrieg steht. Der Besuch war für mich weitaus eindrucksvoller und bewegender als das Fußballspiel. Schon beim Betreten der Gedenkstätte herrschte eine bedrückende Stille. Überall stehen lange Reihen weißer Grabsteine, die sich über das Gelände erstrecken und an die Tausenden Opfer erinnern. Die Atmosphäre dort ist schwer in Worte zu fassen. Ich fühlte Trauer, Fassungslosigkeit und Wut zugleich. Es ist kaum vorstellbar, dass sich eine solche Tat mitten in Europa ereignen konnte.
Das Massaker von Srebrenica fand im Juli 1995 während des Bosnienkrieges statt. Die Stadt war zuvor von den Vereinten Nationen zur Schutzzone erklärt worden und wurde von niederländischen UN-Soldaten bewacht. Trotzdem eroberten bosnisch-serbische Truppen unter dem Kommando von Ratko Mladić die Stadt. Tausende bosniakische Flüchtlinge suchten Schutz bei den niederländischen Blauhelmen in Potočari. Die niederländischen Soldaten waren jedoch personell unterlegen, schlecht ausgerüstet und erhielten keine ausreichende militärische Unterstützung durch die UN und die NATO. Schließlich übergaben sie die Schutzsuchenden faktisch den bosnisch-serbischen Truppen.
Anschließend wurden Frauen und kleine Kinder von den Männern und Jugendlichen getrennt. Mehr als 8.000 bosniakische Männer und Jungen wurden innerhalb weniger Tage systematisch ermordet. Das jüngste bekannte Opfer war erst 13 Jahre alt, während die ältesten Opfer über 70 Jahre alt waren. Die Leichen wurden zunächst in Massengräbern verscharrt und später mit Bulldozern in sogenannte Sekundärgräber umgebettet, um die Spuren des Verbrechens zu verwischen. Bis heute gelten noch immer mehr als 1.000 Opfer als vermisst oder ihre sterblichen Überreste konnten noch nicht vollständig identifiziert werden. Deshalb finden auch heute noch jedes Jahr am 11. Juli neue Beisetzungen statt, sobald weitere Opfer identifiziert werden können.


Ratko Mladić war der militärische Befehlshaber der bosnisch-serbischen Armee und leitete die Einnahme Srebrenicas sowie die anschließenden Morde. Radovan Karadžić war der politische Führer der bosnischen Serben und trug die politische Verantwortung für die ethnischen Säuberungen. Beide wurden später vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt. Dennoch wird der Kriegsverbrecher Ratko Mladić bis heute im serbisch geprägten Teil Bosniens, insbesondere in Banja Luka, von manchen Menschen als Held gefeiert; auf Brücken und Mauern finden sich immer wieder Graffiti mit der Aufschrift „Ratko Mladić – serbischer Held“.
Für das Massaker wurden insgesamt nur einige Dutzend führende Militärs, Politiker und direkte Täter rechtskräftig verurteilt. Historiker und Ermittler gehen jedoch davon aus, dass mehrere Tausend Menschen an der Durchführung des Verbrechens beteiligt waren – nicht nur die Schützen, sondern auch Fahrer, Wachpersonal, Organisatoren, Baggerfahrer, Logistiker und Personen, die Gefangene bewachten oder den Transport der Opfer ermöglichten. Viele mutmaßliche Täter konnten nach dem Krieg untertauchen, nahmen ein neues Leben auf oder lebten unbehelligt weiter, weil ihre konkrete Beteiligung nur schwer nachzuweisen war oder sie sich im Ausland aufhielten.
Das Massaker von Srebrenica wurde von internationalen Gerichten als Völkermord eingestuft. Ziel war es, die muslimische Bevölkerung dauerhaft aus der Region zu vertreiben. Bis heute ist Srebrenica ein Symbol für das Versagen der internationalen Gemeinschaft geworden. Viele Angehörige suchen noch immer nach den sterblichen Überresten ihrer Familienmitglieder. Die Gedenkstätte erinnert daran, wie wichtig Frieden, Menschlichkeit und der Schutz von Minderheiten sind. Besonders erschütternd fand ich, dass viele der Ermordeten kaum älter waren als ich selbst oder sogar noch Kinder waren. Dieser Besuch hat mich tief bewegt und mir gezeigt, wie wichtig es ist, die Geschichte zu kennen und dafür zu sorgen, dass sich ein solcher Völkermord niemals wiederholt.


Serbien erkennt das Verbrechen überwiegend als schweres Kriegsverbrechen an, doch viele führende Politiker vermeiden bis heute die Bezeichnung „Völkermord“. In Teilen der serbischen Gesellschaft wird das Ausmaß der Verbrechen relativiert oder geleugnet, während andere Menschen die Opfer anerkennen und sich für Versöhnung einsetzen. Diese unterschiedlichen Sichtweisen zeigen, dass die Ereignisse von Srebrenica bis heute politisch und gesellschaftlich stark nachwirken.