onthewaywiththomas
"Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen." Johann Wolfgang von Goethe

„Es ist eine Reise durch atemberaubende Landschaften. Es ist die längste Eisenbahnstrecke der Welt. Eine echte Legende. Doch die Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn bedeutet für viele Menschen noch viel mehr: die Erfüllung eines Lebenstraums.“ So heißt es in einem Video über dieses Abenteuer. Ich kann das nur bestätigen.



Es fasziniert mich, Ecken dieser Erde zu erkunden, die fernab des Massentourismus zu finden sind. Mir ist die Unterscheidung zwischen „Urlauben“ und Reisen extrem wichtig. Auch hier hat Goethe mit folgendem Zitat das Kind beim Namen genannt: „Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.“,
Viele Jahre träumte ich von dieser Reise, ehe ich im April 2016 endlich dazu bereit war. Zehn Jahre später wird mir von Menschen, die noch nie in Russland waren, plötzlich „Hass auf Russland“ vorgeworfen. Oder, wie es der wohl selbsternannte „Politik-Blogger“ Gerald M. nennt , „Russophobie“.
Die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn war weder mein erster noch mein letzter Besuch in Russland. Zwischen 2010 und 2018 war ich insgesamt neunmal dort und habe dabei zehn der elf Zeitzonen bereist. Russland erstreckt sich über elf Zeitzonen und ist damit das größte zusammenhängende Land der Erde. Weltweit hat jedoch Frankreich  durch seine Überseegebiete mit insgesamt zwölf (im Sommer sogar dreizehn) Zeitzonen die meisten.
Schon seit meiner Schulzeit interessierte ich mich stark für den Osten, auch wegen seiner Geschichte. Mit der Zeit führten mich meine Reisen immer weiter nach Russland. Neben den Städten dieser Reise war ich in diesen Jahren auch in Kaliningrad, St. Petersburg und Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad.
Nie hätte ich gedacht, dass ich die Erfahrungen, die ich über die Jahre in Russland sammeln konnte, einmal so gut brauchen würde. Heute helfen sie mir sehr, vor allem dann, wenn Menschen in meiner Heimat das Leben in Russland verherrlichen, obwohl sie noch nie dort waren.
Fragt man diese Leute, ob sie die um etwa zehn Jahre niedrigere durchschnittliche Lebenserwartung in Russland im Vergleich zu Österreich oder die in Russland weit verbreitete Korruption bevorzugen würden, folgt meist Schweigen. Ein Blick auf den Korruptionsindex zeigt ein klares Bild: Dänemark auf Platz 1, Österreich auf Platz 21, EU-Schlusslicht Ungarn auf Platz 84, die Ukraine auf Platz 104, Russland auf Platz 157 von 181!
Ein prominentes Beispiel für jemanden, der sich äußert, ohne eigene Erfahrung vor Ort zu haben, ist die deutsche Politikerin Sahra Wagenknecht. In einer TV-Diskussion wurde sie gefragt: „Wann waren Sie das letzte Mal in Russland?“ Sie geriet ins Stocken und antwortete schließlich: „Moskau?“ Der Moderator hakte nach: „Ja, Moskau – egal, Russland!“ Ihre Antwort: „1988, Moskau.“ Das bedeutet letztlich, dass sie Russland seit dem Ende der Sowjetunion nie besucht hat.
Solchen Putin-Unterstützern habe ich dann doch einiges voraus.
Es war 2016: Europa war mit der Flüchtlingskrise stark gefordert, Alan Walker landete mit „Faded“ einen der größten Hits des Jahres, Marcel Koller bereitete das österreichische Nationalteam auf die EM in Frankreich vor und das iPhone SE kam auf den Markt. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits zwei Jahre her, dass Russland im Zuge der Annexion der Krim militärisch in der Ukraine, vor allem im Donbass und eben der Krim aktiv geworden war, während Wolodymyr Selenskyj damals noch nicht in der Politik tätig war. Leicester City gewann sensationell die englische Meisterschaft und schwere Terroranschläge erschütterten Brüssel.
Die Monate vor dem Start meiner Reise verbrachte ich im Kosovo, von wo aus ich alles organisierte: die Route, Unterkünfte und Sehenswürdigkeiten. Bei der Planung der Zugfahrten unterlief mir gleich zu Beginn ein Fehler. Obwohl ich es eigentlich wusste – ja, ich wusste es –, vergaß ich, dass die Zugzeiten in Russland traditionell in Moskauer Zeit angegeben wurden. Für eine Reiseplanung ist es eben schon sehr wichtig, die richtigen Abfahrtszeiten  der Züge zu kennen. (Inzwischen wurde das geändert, und die Zeiten richten sich meist nach der jeweiligen Ortszeit.)
Bewusst entschied ich mich oft für Hostels: Sie schonen das Budget und viel wichtiger, man kommt unglaublich leicht mit anderen Reisenden ins Gespräch. Nicht jede Nacht plante ich in einer Unterkunft zu schlafen, manchmal wählte ich gezielt Nachtzüge, um Zeit zu sparen. Abends in einer Stadt einsteigen, schlafen und am nächsten Tag – halb ausgeschlafen – in der nächsten Stadt ankommen.


Da ich nicht vorhersehen konnte, welches Herausforderungen aufgrund des Krieges in der Ostukraine die Zugfahrt Kyiv–Moskau bringen würde, entschloss ich mich, Minsk wieder zu bereisen. Kyiv würde ich auf dem Rückweg von Vladivostok mit dem Flieger erreichen. Hier standen zwei Möglichkeiten am Programm. Vladivostok – Moskau – Wien war keine davon, denn mit dieser Wahl hätte ich einen Tag von meinem Visum verloren. Entweder hätte ich von Vladivostok über Tokio(mit einem Tag Aufenthalt) nach Wien fliegen können oder über Tokio, mit einem längeren Aufenthalt in Peking, über Kyiv nach Wien. Ich entschloss mich für die Route über das Reich der Mitte.
Für Nachtfahrten buchte ich meist ein kleines Abteil, um etwas Ruhe zu haben. Fuhr ich länger oder tagsüber, entschied ich mich bewusst für das große, offene Abteil. Dort kommt man viel leichter mit Menschen ins Gespräch.


Als der Plan stand, konnte ich die Buchungen starten. Über die offizielle Internetseite der russischen Staatseisenbahn buchte ich die Fahrscheine auf Englisch problemlos mit der Kreditkarte. Die Preise pendeln sich zwischen 5 Euro für Moskau – Nischni Nowgorod (4 Stunden und 10 Minuten Fahrzeit bei ca. 420 km) und 45 Euro jeweils für die Strecken Perm – Omsk (17 Stunden und 17 Minuten für 1.300 km) und Tschita – Birobidschan ein. Diese Etappe war fast 2.000 km lang und somit die zeitlich längste Strecke meiner Reise. 40 Stunden und 21 Minuten verbrachte ich durchgehend im Zug. Insgesamt kosteten mich die Zugtickets etwas unter 400 Euro. Die reine Fahrtzeit für die 13.169 km vom Nordburgenland bis Wladiwostok betrug 1 Woche, 2 Tage, 23 Stunden und 21 Minuten.
Bei der Buchung der Tickets werden nicht nur der Name und das Geburtsdatum verlangt, sondern auch die Reisepassdaten. Den per E-Mail zugeschickten Fahrschein benötigt man NICHT für das Betreten des Zuges, denn vor jedem Waggon steht eine der beiden Waggondamen mit einer Liste, auf der der Name des Reisenden steht. Es wird lediglich der Name mit dem Reisepass verglichen und der Fahrschein dient nur für den Reisenden, wenn man zum Beispiel die Waggondame nicht versteht, wenn diese die Nummer des reservierten Platzes auf Russisch sagt, denn diese findet man auf dem Fahrschein. Je früher man bucht, desto billiger sind die Zugfahrten, jedoch kann man maximal sechs Wochen im Voraus buchen. Da ich immer so früh wie möglich buchte, zog sich dieser Buchungsprozess über vier Wochen hinweg! Fast täglich buchte ich eine Zugstrecke.
Ich buchte immer einen unteren Platz, quer, ganz vorne neben dem Abteil der Schaffnerinnen. Diese achten auf Ausländer aus dem Westen besonders. Der untere Platz hat auch den Vorteil, dass die Liegefläche zugleich den Deckel für die Truhe ist. So kann man sein Gepäck verstauen und mit dem kompletten Körpergewicht wird die Truhe während des Schlafs geschlossen gehalten. Einzig kann es bei Langschläfern sein, dass am frühen Morgen am Bettende der Nachbar vom oberen Bett Platz nimmt.
Nachdem der Fernzug aus dem Bahnhof gerollt ist, verteilt die Schaffnerin die Bettüberzüge. Diese gewaschenen und gebügelten Leinen kosteten ungefähr 1,30 Euro. Dazu bekommt man noch einen Waschlappen. Das Bett muss man aber selbst an- und abziehen. Wichtig zu beachten sind die Öffnungszeiten der Toiletten. Kurz vor der Einfahrt in einen Bahnhof werden diese geschlossen und erst einige Zeit nach der Abfahrt wieder geöffnet. Am Morgen machen sich die Fahrgäste in der Toilettenkammer frisch, was zu etwaigen Wartezeiten führen kann.
Da ich in den Fernzügen auch die Restaurantabteile nutzte, konnte ich nicht immer auf mein Gepäck achten. Klar, die Wertsachen hatte ich bei mir. Die Wäsche war nicht im Rucksack verstaut, sondern in kleinen Plastiksackerln gepackt, die alle einzeln in der Truhe waren. So hätte ein möglicher Diebstahl länger gedauert und für Aufsehen gesorgt, denn auch für viele Reisende ist ein Gast aus dem Westen etwas Besonderes! Erwähnenswert ist die Einfahrt in die Bahnhöfe. Die Züge sind stets pünktlich, wenn sie den Stillstand am Bahnhof erreichen. Die Einfahrt passiert aber schon Minuten davor. Der Zug rollt dann so extrem langsam in den Bahnhof, dass dieser sogar von wartenden Menschen am Bahnsteig überholt wird.


Eine wichtige Frage dabei war immer wieder: „Was kostet so etwas?“ Ich habe diese fünf Wochen mit 3.000 Euro kalkuliert. Schlussendlich lagen danach alle Kosten zusammen (Visa, Zugfahrten, Flüge, Unterkünfte, Verpflegung, Touristenfalle in China …) bei 2.650 Euro. Die Ausgaben konnte ich unter Kontrolle halten, weil ich täglich meinen Bargeldbestand notierte. Für Polen hatte ich noch Restbestände, für die anderen Länder besorgte ich mir das Geld am Bankomaten. Die Abhebegebühren und Wechselgebühren waren bei der Bankomatkartenbehebung nicht hoch. Mit der Kreditkarte hob ich nie ab. Zur Sicherheit habe ich 150 Euro in bar dabeigehabt. Sollte es einmal Probleme mit der Behebung geben, kann man dieses Geld als Joker umwechseln. Ratsam ist es, diesen Betrag aufgeteilt in Zehner- bzw. Zwanzigerscheinen dabei zu haben, da die Wechselstuben keine Euro zurückgeben. Ein exakteres Umwechseln ist somit möglich.
Auf meiner Reise hatte ich nur selten und dann sehr kleine Probleme. Aber dennoch sollte man sich auf gewisse Möglichkeiten vorbereiten. Dazu zählt nicht nur das Versäumen eines Zuges, sondern auch der Verlust von Dokumenten oder der Diebstahl von Wertgegenständen bzw. Bargeld. Die Dokumente (Reisepass, Visa, Versicherung) hatte ich gescannt und online abgespeichert. Wäre es zu einem Verlust gekommen, hätte ich mit dieser Speicherung den Behördengang in Russland erleichtern können. 


Bei den Wertsachen sollte man sich im Voraus Gedanken machen, ob man wirklich den prachtvollsten Schmuck oder die teuerste Kleidung mitnehmen muss. Eine verlorene Kamera ist natürlich ein finanzieller Verlust. Aber dieser finanzielle Verlust ist ersetzbar! Nicht ersetzbar sind die Fotos, mit denen viele Erinnerungen verbunden sind. Auch deswegen hatte ich meinen Laptop dabei. Dort speicherte ich immer die Fotos online ab. Auch hätte ich den Laptop benutzen können, wenn ich Planänderungen durchführen hätte müssen.



Den gesamten Reiseplan, minutengenau notiert, hatte ich ausgedruckt im Rucksack. Dort waren nicht nur die Zugzeiten aufgeschrieben, sondern auch Stadtpläne, damit ich eine bessere Orientierung hatte. Diese Pläne kopierte ich von Google Maps und vergrößerte die Orte bzw. Plätze, die ich besuchen wollte. Ab und zu, zum Beispiel bei Unterkünften, die mit den Öffis schwer zu erreichen waren, habe ich die Adresse in russischer Sprache groß und fett dazugeschrieben, damit ich diese bei einer möglichen Orientierungslosigkeit Passanten oder Taxifahrern hilfesuchend zeigen konnte.
Zugfahren in Russland ist nicht wie bei uns, wo viele ständig am Handy hängen. Das Land ist dünn besiedelt und die Züge fahren oft durch Gebiete ohne Netzabdeckung. So entstehen ganz automatisch Gespräche. Manche teilen ihr Essen mit Fremden, andere trinken gemeinsam Bier. Ich hatte die Ehre, mit einem Öl-Arbeiter aus Moskau im Speisewagen bei ein paar Bierchen über seine Beziehungsprobleme zu sprechen. Der Bierkonsum war an diesem Abend so intensiv, dass sich meine Route kurzfristig um mehrere hundert Kilometer änderte.
Ein anderes Mal erzählte mir ein Mörder während der Zugfahrt von der dunklen Seite Russlands. Diese Begegnung war so beängstigend, dass ich im Zug die restliche Nacht kein Auge mehr zudrücken konnte.


Ich lernte auch C. kennen. Sie stammte ursprünglich aus Sibirien und war auf dem Weg zu ihrem damaligen Wohnort Wolgograd. Schon damals war sie überzeugt, dass wir uns eines Tages wieder begegnen würden und sie sollte recht behalten.  
Auch abseits der Zugfahrten gab es unvergessliche Erlebnisse: etwa der Vater aus Sibirien, den ich in Belarus traf und der in Minsk seinen Sohn suchte. Oder der Moment, als jemand in Russland versuchte, mich zu überfallen, während ich in China später tatsächlich „überfallen“ wurde.



Der vielleicht absolute Höhepunkt war jedoch, als ich in Russland festgenommen wurde. Neun Geheimdienstmitarbeiter, mehrere Polizisten (der Polizeichef zog für das Verhör sogar seine Ausgehuniform an!) und über sechs Stunden Befragung. Ich bekam zwei Anwälte zur Seite gestellt, zwei staatlich geprüfte Dolmetscher, eine Mitarbeiterin des österreichischen Honorarkonsulats und einen Vertreter des Innenministeriums.
Ich stand mit meinen Füßen gleichzeitig auf zwei Kontinenten, überquerte den mächtigen Jenissei, bekam in Ulan-Ude ein Baby in die Arme gedrückt, während ich mich vor der größten Lenin-Statue der Welt fotografieren ließ und war am Baikalsee – dem tiefsten und ältesten Süßwassersee der Erde –, obwohl am Ufer noch Schnee lag.
Über fünf Wochen war ich unterwegs, durchquerte acht Länder und 21 Städte, legte über 13.000 Kilometer im Zug zurück,  mit einer reinen Fahrzeit von mehr als neun Tagen.
Von all diesen Abenteuern und Erlebnissen werde ich euch in den nächsten Wochen erzählen.