onthewaywiththomas
"Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen." Johann Wolfgang von Goethe

Doha


Am Freitagvormittag, während ich gestresst am Traktor saß, kam plötzlich die Nachricht: Mein Flug am Montag von Doha nach Delhi wird um satte 13 Stunden verschoben. 13 Stunden! Mein ohnehin enger Zeitplan war dahin. Fassungslos suchte ich nach Alternativen – bis mir einfiel, dass ich ja noch gar kein Visum für Indien hatte. Also schnell beantragen! Bearbeitungszeit: bis zu vier Tage, in Ausnahmefällen sieben. Ob sich das wohl bis Montag ausgehen würde?
Ich nahm es als Zeichen von oben und akzeptierte die Flugverspätung. Einen früheren Flug zu nehmen, wäre ohnehin sinnlos gewesen – ohne Visum hätte mich niemand ins Flugzeug gelassen.


Am Samstag, gleich nach der Niederlage gegen Blau-Weiß Linz, fuhr ich direkt zum Flughafen. Zum ersten Mal seit Jahren war ich wieder alleine unterwegs. Ich flog nicht zum ersten mal mit Air Arabia (2019), aber erst jetzt fiel mir auf, dass dort vor dem Abflug gebetet wird. Da hallt es plötzlich durch die Bordlautsprecher: „Allahu Akbar, Allahu Akbar…“ Ich dachte mir nur: Stell dir vor, ein Austrian-Airlines-Flug von Wien nach Mallorca, und es tönt: „Vater unser im Himmel…“
Am Sonntagmorgen landete ich in Schardscha in den Vereinigten Arabischen Emiraten und stieg dort in Richtung Doha um. Eigentlich wollte ich schon im Juni nach Katar, aber damals war der Luftraum wegen dem Drohen- und Raketenangriff aus dem Iran gesperrt.
Nach der Ankunft in Doha erholte ich mich kurz im Hotel – die Zimmer sind überraschend günstig, weil die Stadt nach der WM 2022 zu viele Hotels hat und nicht genug Touristen. Kein Wunder: Der Flughafen in Doha hat die höchste Transitquote (75 %) der Welt – die meisten Reisenden bleiben hier nur ein paar Stunden zwischen zwei Flügen.


Ein kleines Land mit großem Einfluss


Katar hat nur etwa 2,7 Millionen Einwohner, von denen rund 90 Prozent Gastarbeiter sind. Das Land ist winzig – etwa so groß wie Oberösterreich, aber unfassbar reich: Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf gehört zu den höchsten der Welt. Möglich macht das vor allem Erdgas. Dank dieser Energiequellen spielt Katar auf der internationalen Bühne eine erstaunlich große Rolle – ob im Fußball (Besitzer von Paris Saint-Germain) oder durch Investitionen in Europa. Das Land war jahrelang im Streit mit seinen Nachbarn – Saudi-Arabien wollte sogar einmal einen Graben an der Grenze ausheben, um Katar buchstäblich zu isolieren. Heute ist das Verhältnis wieder etwas entspannter.


Das Klima ist, wie man es sich denkt: heiß, trocken, staubig, und selbst im Oktober ist man froh über jede Klimaanlage, die man findet.
Souq Waqif – Duft, Farben und Kühle aus dem Boden
Am Nachmittag ging ich in die Stadt, zuerst zum Souq Waqif, einem der bekanntesten Märkte Katars. Zwischen engen Gassen riecht man Gewürze, Weihrauch und frisch gegrilltes Lamm, Händler preisen Gold, Stoffe und Falken (!) an. Der Markt wurde auf den alten Fundamenten eines über hundert Jahre alten Handelsplatzes neu aufgebaut und gilt heute als Herz des traditionellen Doha.
Entlang der Doha Bay genoss ich den Blick auf die Skyline. Ok, Dubai ist spektakulärer – aber die Türme glitzern elegant und in der Abendsonne spiegelte sich alles im Wasser. Es war warm, aber nicht drückend heiß.


Mit einem Uber fuhr ich ins moderne Stadtviertel. Doha ist sauber, geordnet und fast schon steril. Es gibt kaum Fußgänger, weil hier fast jeder fährt. Dafür beeindruckt die Stadt mit glänzenden Glasfassaden, gepflegten Palmenalleen und riesigen Malls. Alles wirkt neu, aber auch  künstlich – als hätte man eine Stadt direkt aus einem Werbeprospekt gebaut.
Für ein paar Euro bot man mir ein Boot über die Bucht – rund 12 Euro für ein Riesenschiff, das wohl 50 Leute gefasst hätte, an. Wie kann das wirtschaftlich sein? Es waren kaum Touristen unterwegs. Der Taxifahrer zurück erkannte mich sofort: „Ich habe dich heute schon in der Stadt spazieren gesehen!“ Bei so wenig Fremden ist das wohl keine Kunst.
Abends war der Souq Waqif deutlich belebter. Besonders faszinierte mich die eingebaute Bodenkühlung: Aus kleinen Öffnungen im Pflaster strömt angenehm kühle Luft nach oben – so angenehm, dass selbst Marilyn Monroe wohl ihre Freude daran gehabt hätte.
Der Abend endete im Spa-Bereich, leider war das Indien-Visum immer noch nicht da. Das trübte meine Stimmung schon den ganzen Tag.


Roadtrip durch Katar


Am nächsten Morgen war das Visum noch immer nicht da – die Stimmung weiterhin im Keller. Ich fuhr zum Flughafen, holte mir ein Mietauto und beschloss, das Land auf eigene Faust zu erkunden. Katar ist etwa 11.500 km² groß – also wie erwähnt ungefähr so groß wie Oberösterreich. Freude kam auf, als ich erfuhr, dass Benzin nur etwa 50 Cent pro Liter kostet. Entsetzen folgte beim Blick in den Strafenkatalog: Zu schnell fahren – 100 €, Handy am Steuer – 100 €, rote Ampel – 1.400 € plus sieben Tage Autoentzug. Na gut, ich fuhr lieber brav.


Erster Halt: Stadion 974,  den 974 Containern, aus denen es modular aufgebaut wurde. Ob und wieviele Container abgebaut wurden, habe ich nicht gezählt.
Weiter ging’s nach Lusail, wo das prunkvolle Lusail Iconic Stadium steht – hier fand das WM-Finale 2022 statt. Heute wird es für Konzerte und Großveranstaltungen genutzt. Am Strand in Lusail fällt das rund geformte Katara Towers Hotel auf – zwei halbmondförmige Türme, die sich oben berühren, inspiriert vom Wappen Katars. Ein beeindruckendes Gebäude direkt am Meer, fast wie aus einem Science-Fiction-Film.
Nächster Stopp: das Al-Bayt-Stadion in Al Khor. Es sieht aus wie ein riesiges Beduinenzelt und war Schauplatz des Eröffnungsspiels der WM. Heute finden dort nur noch wenige Spiele und kulturelle Events statt.
Ganz im Norden erreichte ich schließlich die Al-Zubarah-Festung, ein UNESCO-Weltkulturerbe. Die alte Lehmfestung wurde im 18. Jahrhundert errichtet und diente zur Verteidigung einer Handelsstadt, die damals ein wichtiger Punkt für Perlenhandel war. Heute ist sie top restauriert – aber menschenleer. Außer mir war nur ein Kamerateam da, das offenbar einen Film drehte. Ich musste an die Szene aus Kaisermühlen Blues denken, wo der Bezirksrat Gneisser mit seinem Kollegen Schoitl Besucherzahlen fälschen musste um eine Daseinsberechtigung zu argumentieren – hier war’s ähnlich: Man bekommt gratis eine Eintrittskarte, wohl damit man sie zählen kann und die Besucherzahlen hoch gehaltenwerden.
Auf dem Rückweg zum Flughafen besuchte ich noch drei weitere WM-Stadien:
das Education City Stadium, heute Heimstätte des Unisports und für Frauenfußball-Events genutzt,
das Al-Rayyan-Stadion, das seinem Verein Al-Rayyan SC dient,
und das Khalifa International Stadium, das älteste und traditionsreichste Stadion Katars, regelmäßig Schauplatz von Leichtathletikturnieren.
So viele WM Stadien habe ich noch nie an einem Tag gesehen.
Übrigens: Die kürzeste Entfernung zwischen zwei WM-Stadien beträgt in Katar gerade mal 5 Kilometer – nirgendwo sonst waren die Spielstätten so nah beieinander. Fährt man alle Stadien, es nach dem anderen ab, so kann man das mit weniger als 90 km schaffen.
Ich war während der WM nicht in Katar, sah vielleicht zwei, drei Spiele im Fernsehen – und trotzdem hat mich diese Reise zum Nachdenken gebracht. Die Stadien, die Straßenbahnen, die Parkhäuser – alles wirkt riesig, aber heute werden viele Anlagen kaum genutzt. Katar investierte über 200 Milliarden Dollar in Stadien und Infrastruktur. Gleichzeitig wurden beim Bau tausende Arbeitsmigranten ausgebeutet, viele starben unter extremen Bedingungen. Menschenrechte? Fehlanzeige. Doch das Problem betrifft nicht nur Katar – in fast allen Golfstaaten schuften Menschen aus Asien unter unmenschlicher Hitze, ohne Rechte. Ich habe es selbst in Dubai gesehen: Arbeiter, erschöpft, in Busse gepfercht, nach einem heißen 12-Stunden-Tag auf der Baustelle.
Mit diesem Geld hätte man viel Sinnvolleres tun können, als Fußball in der Wüste.
Ich brachte am Abend das Auto zurück – und genau in dem Moment kam endlich das Indien-Visum! Juhu! Genau, wie ich es geahnt hatte: Ohne die Flugverschiebung hätte ich gar nicht fliegen dürfen. Jetzt war ich erleichtert und überglücklich. Beim Check-in zeigte ich stolz meine Papiere – während andere Passagiere Kartons voller Klumpat aufgaben. Keine Ahnung, was da alles transportiert wurde.
Nach einer Stunde Flug landete ich wieder in Schardscha, musste dort noch eine Nacht bleiben, weil der Weiterflug ebenfalls verschoben war. Am Mittwochmittag sollte es endlich weitergehen. Neben mir beim Boarding: ein russisches Pärchen, ohne Visum für Indien. Sie mussten da bleiben. Ich dachte mir: Russland, Indien, BRICS-Staaten – so viel zur internationalen Zusammenarbeit und Freundschaft.
Ich aber war froh, endlich im Flieger zu sitzen.


Fortsetzung folgt..
Neu-Dheli